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Wie unser Gehör uns geistig fit hält

Wie unser Gehör uns geistig fit hält
Schwerhörige ohne Hörgeräte haben ein höheres Depressionsrisiko.

Wir hören mehr mit unserem Gehirn als mit unseren Ohren. Denn das Verstehen von Bedeutung und Sprache passiert in im Kopf! Zum langfristigen Erhalt unserer geistigen Fitness ist also die Pflege unseres Gehörs der wichtigste Faktor.

Jeden Tag leisten unsere Ohren und unser Gehirn gemeinsam Höchstarbeit. Rund um die Uhr analysieren sie um uns herum die gesamte Umgebung und filtern wichtige aus den unwichtigen Signalen heraus. So löst ein Fahrzeug, das sich uns beim Überqueren der Straße nähert, Alarm aus und lässt uns umschauen. Eine Stimme am Arbeitsplatz wird bedeutsam, wenn sie unseren Namen ruft. Selbst nachts im Schlaf lässt uns das Geräusch einer Polizeisirene aufschrecken. Gleichzeitig werden hunderte Höreindrücke, die zur selben Zeit auf unsere Ohren und unser Gehirn einprasseln (wie zum Beispiel das Plätschern von Regen oder Stimmgewirr im Großraumbüro), ausgeblendet. Für die Schaltzentrale in unserem Kopf bedeutet das permanente Höchstleistung.

Tatsächlich liefern unsere Ohren relativ wenige Informationen an unser Gehirn. Als Informationsquellen dienen pro Ohr gerade einmal 3.500 innere Haarzellen, während im Gehirn Millionen von Neuronen nötig sind, um das Gehörte zu verarbeiten. Denn der reine Sinnesreiz, der durch die Haarzellen erzeugt wird, hat für sich genommen noch keine Bedeutung. Diese entsteht erst, wenn unser Gehirn loslegt. Das Gehörte wird in unterschiedliche Tonhöhen zerlegt, nach Bedeutungsmustern analysiert und in Sekundenbruchteilen mit unserem Gedächtnis abgeglichen. Worte können wir nämlich nur dann verstehen, wenn wir ihre Bedeutung bereits abgespeichert haben. Anhand des Tonfalls eines Sprechers erkennen wir außerdem sofort, ob er freundlich, streng oder gereizt klingt – was direkt auf unser emotionales Zentrum wirkt. Gerade am Arbeitsplatz gilt daher: der Ton macht die Musik! Daher wird ein cholerischer Chef seine Mitarbeiter niemals so stark motivieren wie ein einfühlsamer Vorgesetzter.

Wenn Hören anstrengend wird

Sprache ist die Verbindung mit unseren Mitmenschen – privat wie in der Arbeitswelt. Funktionieren unsere Ohren nicht mehr so gut wie es eigentlich der Fall sein sollte, hat das vordergründig große Auswirkungen auf unser tägliches Miteinander. Wir verstehen uns – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht mehr gut. Doch wie kommt es dazu? Haarzellen im Ohr können durch Lärm, Stress, bestimmte Medikamente oder schlicht durch den altersbedingten Verschleiß geschädigt werden. Ab 50 ist jeder Dritte davon betroffen. Durch die pausenlose Beschallung durch Kopfhörer und Freizeitlärm hören allerdings auch immer mehr junge Menschen schlecht.

Im Gegensatz zu anderen Körperzellen erneuern sich Haarzellen leider nicht. Das bedeutet, ein einmal aufgetretener Schaden ist unwiderruflich. Die Folge: unsere Ohren liefern weniger Informationen an das Gehirn. Um trotzdem das Gesagte verstehen zu können, muss sich unser Gehirn nun viel mehr anstrengen. Ausbleibende Laute müssen aus der Erinnerung ersetzt werden. Dabei verbraucht das Gehirn viel mehr Ressourcen, als bei einem nicht beeinträchtigten Gehör. Das strengt an, macht müde, führt zur Fehleranfälligkeit und erzeugt Stress. Doch das ist noch nicht die schlimmste Folge einer Hörminderung, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt wird.

Unser Gehirn verhält sich wie ein Muskel, der trainiert werden muss. Das heißt, die Nervenverbindungen, die wir im Laufe unseres Lebens durch Lernen verknüpfen, müssen immer wieder gefordert werden, um in Form zu bleiben. Hirnbereiche, die nicht mehr genutzt werden, bilden sich zurück. Das gilt besonders für unsere Fähigkeit, wichtige Klänge um uns herum aus unbedeutenden herauszufiltern sowie Sprache zu verstehen. Tatsächlich hat kein anderer Aspekt unserer Lebensführung eine größere Wirkung auf das Demenzrisiko als der Umgang mit unserem Gehör! Demnach steigt bei einer unbehandelten Schwerhörigkeit das Risiko um bis zu vierhundert Prozent, an Demenz zu erkranken. Sogar das Gehirn schrumpft messbar. Doch das muss nicht sein. Wissenschaftliche Studien belegen, dass der geistige Verfall durch den Einsatz von Hörgeräten aufgehalten werden kann.

Moderne Technik im Ohr hilft gegen Demenz und geistigen Verfall

Forscher haben große Bevölkerungsgruppen in Frankreich und den USA über Jahrzehnte regelmäßig auf ihre geistige Fitness getestet. Dabei fanden sie heraus, dass Menschen mit Hörproblem generell schlechter abschneiden. Es sei denn, sie tragen Hörgeräte: dann entspricht ihre Leistung der von normal Hörenden. Ebenfalls hat man festgestellt, dass Schwerhörige ohne Hörgeräte ein höheres Depressionsrisiko haben, früher gebrechlich werden und häufiger stürzen. Letzteres liegt unter anderem daran, dass unsere Ohren neben der Hörschnecke auch das Gleichgewichtsorgan beinhalten.

Generell geht eine Hörstörung oft mit dem Rückzug aus dem sozialen Leben einher. Es werden gerade jene Situationen gemieden, wo viele Menschen durcheinander sprechen, beispielsweise Restaurants, Bars und Kulturveranstaltungen. Aber auch Firmenmeetings, Konferenzen und Vorträge sind eine Herausforderung. Schwerhörige sind hier damit überfordert, einzelnen Stimmen zu folgen, da sie die Hintergrundgeräusche nicht ausfiltern können. In der Folge gehen sie weniger aus, meiden soziale Kontakte und fordern ihr Gehirn noch weniger. Auch das trägt zum Abbau der geistigen Fitness bei. Hierzulande sind über 13 Millionen Menschen von Schwerhörigkeit betroffen, doch nur 3,5 Millionen von ihnen tragen Hörgeräte. Warum verzichten so viele Menschen auf die Chance, mittels Hörgerätetechnik voll am Leben teilzunehmen?

Leider haben Hörgeräte noch immer ein schlechtes Image, was aus einer Zeit stammt, als die Technik nicht so weit entwickelt war wie heute. Mittlerweile sind Hörgeräte Hochleistungscomputer, die das Hören mit ausgefeilten Programmen unterstützen. Sie analysieren permanent die Umgebung und wählen automatisch Einstellungen, die genau zum individuellen Hörvermögen des jeweiligen Trägers in der betreffenden Situation passen. Das hilft beim Meeting im Büro, beim Businesslunch im Restaurant oder beim abendlichen Besuch in einer lauten Bar. Außerdem verbinden Hörgeräte uns über Funkschnittstellen wie Bluetooth mit dem Smartphone, dem Festnetztelefon, dem TV oder dem Computer, so dass wir keine Kopfhörer mehr benötigen.

Mit Geduld zum Ziel

Wer ein Hörgerät trägt, gehört keineswegs zum alten Eisen. Im Gegenteil: Moderne Technik hält uns fit für Job und Freizeit. Doch das Gehirn benötigt einige Zeit, um sich an den neuen Sinneseindruck mit Hörgeräten zu gewöhnen. Das Identifizieren und Ausfiltern von Klängen, die lange nicht gehört wurden, muss wieder neu gelernt werden. Bis zu einem halben Jahr Eingewöhnungszeit, in der die Hörgeräte täglich getragen werden, müssen wir unseren Ohren und dem Gehirn gönnen. Das sollte uns die volle Teilnahme am Leben Wert sein.

 

 

 

Thomas Sünder hat sich als freier Autor auf die Themen Gehör und Gesundheit spezialisiert. Als überzeugter Hörgeräteträger hält er weltweit Vorträge und hat aktuell gemeinsam mit Dr. Andreas Borta das Buch Ganz Ohr – Alles über unser Gehör und wie es uns geistig fit hält veröffentlicht.