» » Was ist wahre Weihnacht?

Was ist wahre Weihnacht?

Was ist wahre Weihnacht?
Welche Bedeutung bekommt der Heiligabend, wenn bisherige Muster durchbrochen werden?

Eine Frage, die sich Barbara Messer das erste Mal stellt, als sie Weihnachten im Wohnmobil feiert. Die Antwort findet sie mitten in Deutschland in Stiege im Oberharz.

Der Winter des Wohnmobiljahres war eindrücklich: dableiben, unterwegs bleiben, im Übergang bleiben. In diesem flexiblen, offenen Zustand, ohne großen Komfort und wenig festgezurrte Routinen, bekamen Feiertage noch einmal ein besonderes Licht. Weihnachten mitten in Deutschland zum Beispiel war für uns pur, sinnlich, eindrucksvoll.

Am Heiligabend stellte sich bei uns ab Mittag eine sonderbare Mischung aus Melancholie und Vorfreude ein. Wie wird es sein, an einem nicht vertrauten Ort Heiligabend zu feiern? Welche Bedeutung bekommt dieser Abend, wenn bisherige Muster durchbrochen werden? Wenn es kein Wohnzimmer gibt, wo der Baum aufgestellt wird. Wenn riesige Geschenkeberge keinen Platz haben. Ich erlebte sehr intensiv, wie absurd dieser Abend sein kann. Fällt er nämlich komplett aus dem Rahmen, ändert sich schnell die Perspektive und wird vieles in Frage gestellt.

Ein wenig Gefühl für Weihnachten

Natürlich ist der Verzicht auf einen Baum keine große Herausforderung. Wir stellten jedoch fest, dass wir auf weit mehr verzichten konnten. Unser Weihnachten im Wohnmobil hatte ein ganz besonderes Gesicht: Relativ unverhofft landeten wir in Stiege, im schönen Oberharz. Die Campingplätze hatten entweder geschlossen oder sahen nicht festtagstauglich aus. Auch brauchten wir noch Frischwasser und Strom.

Noch im letzten Licht des Nachmittags stellten wir das Wohnmobil einfach an einer ruhigen Stelle an einem kleinen See ab. Der Ort war ruhig, fast ausgestorben. Was tun, um ein wenig Gefühl für Weihnachten zu bekommen? Was bleibt in der Fremde an einem Heiligabend? Dorthin gehen, wo alle sind. Und so wurde der Heiligabend-Gottesdienst für uns zum Programm – andere (kulturelle) Alternativen gab es nicht.

Die Zeit zwischen den Jahren genießen

Durchgefroren, nass, müde und mit fünf Euro für die Kollekte in der klammen Manteltasche saß ich in dieser Kirche, die selbst ein wenig verfroren und einsam daher kam, und lauschte dem Krippenspiel. Ich nutzte die Zeit, um nicht nur örtlich, sondern auch mental anzukommen. Das Tempo des monatelangen Reisens zu drosseln, um die Zeit „zwischen den Jahren“ zu genießen. Denn diese Auszeit, die ich bisher immer mit Weihnachten verbunden habe, ist eine Zeit nur für mich, meine Lieben und meine Familie.

Die Zeit in der Kirche, in der wir im christlichen Sinne Teil dieser Gemeinde waren, verband uns auf seltsame Weise mit dem fremden Ort. Anschließend jedoch, draußen in der Kälte, waren wir wieder unter uns. Und während die Menschen sich in den Wegen und Straßen der Ortschaft verteilten, um in ihren heimelig beleuchteten Häusern zu verschwinden, gingen wir zufrieden um den See, begleitet vom Schnattern der unzähligen Enten.

Ein fast normaler Heiligabend im Wohnmobil

Weil wir beim Ankommen unser Wohnmobil einfach nur abgestellt hatten, fehlten uns noch immer Strom und frisches Wasser. Dieses Mal war es aber ganz einfach. Nach diesem Gottesdienst, wo (so schien es mir) die Menschen warmherzig und offen waren, war es ganz leicht, nach Hilfe zu fragen – und zu bekommen.

Später gab es frische – importierte – Pilze mit Klößen, Musik und Tanz. Ein fast normaler Heiligabend im Wohnmobil. Die Katze war glücklich und ich selig, diese Ausnahme erlebt zu haben. Was für ein wahres Weihnachten.

Ihre Barbara Messer

 

Das pure Leben spüren

 

Das pure Leben spüren
Warum wir nicht viel brauchen, um glücklich zu sein
von Barbara Messer
Gabal Verlag (1. Auflage, März 2018)
15 Euro (D)
ISBN 978-3-86936-834-4