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„So jemand wie Sie bekommt kein Wasser“

„So jemand wie Sie bekommt kein Wasser“
Es ist einfach, Schubladen zu öffnen. Aber eine große Herausforderung, seine Vorurteile zu revidieren.

Eine sehr wertvolle Erfahrung aus meinem Wohnmobil-Jahr ist, dass gerade die Menschen, die weniger haben, sehr hilfsbereit sind. Liegt es daran, dass sie über mehr inneren Reichtum verfügen? Oder weil sie selber erfahren haben, wie wichtig Hilfe?

Wer bereits einmal im Wohnmobil unterwegs war, weiß, wie wichtig Wasser ist. Denn ob fürs Kochen, Duschen, Hände waschen oder für die Toilette – ohne Wasser geht nix. Während wir unser Wasser für das Kochen immer in einem transportablen Wasserkanister hatten, den wir ganz einfach unter einem normalen Wasserhahn auffüllen konnten, musste das Wasser für die Dusche und die Toilette von außen eingefüllt werden. Das erledigten wir mit einer 10-Liter-Gießkanne, wie sie viele Gärtner benutzen. Einen Gartenschlauch dafür zu benutzen, so wie es die meisten Wohnmobilisten tun, trauten wir uns nicht. Zu groß war unsere Sorge, dass Wasser im Schlauch zurückbleiben und in die Heckgarage laufen könnte, wo unsere Bücher und Kleiderkisten lagerten.

Auf Camping- und Stellplätzen lässt sich natürlich leicht Wasser mit der Gießkanne herbeischaffen. Doch da standen wir nicht immer. Manch ein Trainings- oder Coachingauftrag führte uns auch in Städte oder Gegenden, wo wir einfach „so“ standen, ohne Strom und Wasser. Wurde unser Wasser knapp, baten wir in den Tagungshotels, in denen ich Seminare gab, danach. Auch an Tankstellen fragten wir oft nach Wasser, es bot sich ja auch an, wenn wir dort für fast 100 Euro unseren Tank füllten.

Ich war verschreckt, entsetzt, aber auch enttäuscht

Eine Situation an einer Tankstelle hat sich mir jedoch eingebrannt: Wir benötigten Wasser, allerdings kein Sprit. Also ging ich (in meiner offiziellen Businesskleidung) mit unserer Gießkanne bewaffnet und einer Ein-Euro-Münze in der Hand in die Tankstelle hinein und fragte nach einer Füllung Frischwasser. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, denn es war sehr kalt draußen und der übliche Außenwasseranschluss daher stillgelegt.

„So jemand wie Sie bekommt kein Wasser“, war die Antwort auf meine Bitte. Ich setzte noch zu einem weiteren Versuch an, der Dame hinter dem Tresen zu sagen, dass ich selbstverständlich dafür zahlen möchte. Doch vergeblich.

Verschreckt, entsetzt, aber auch enttäuscht fiel mir später ein Erlebnis in Griechenland ein: Es war einer dieser sehr heißen Tage, an denen die griechische Sonne auf das Straßenpflaster brennt und die Grillen wie verrückt zirpen. Mehrere Stunden Fußmarsch mit großem Rucksack lagen hinter mir, als mir die Bewohnerin eines kleinen Hauses ein Glas frisches Brunnenwasser anbot.

Mit fast jeder Begegnung revidierte ich meine Haltung über andere

Reflektiere ich beide Situationen, muss ich gestehen, dass ich selber in meinem Wohnmobil-Jahr immer wieder dazu neigte, Menschen und ihr Wohnmobil nach dem Äußeren zu betrachten. Es ist ja auch sehr einfach: Steht ein altes und etwas ramponiertes Wohnmobil tagelang an einer kleinen Bucht auf einem Stellplatz, und man sieht nie jemanden ein- und aussteigen, ist die Schublade schnell geöffnet.

Ich lernte, mit fast jeder Begegnung meine Haltung über andere Menschen zu revidieren. So lernte ich auch, dass viele der Menschen, die in bereits in die Jahre gekommenen Wohnmobilen leben, oft sehr fleißig sind. Viele sind Handwerker und reduzieren mit diesem Lebensstil ihre monatlichen Fixkosten, um genügend Geld für Leben und Familie zu verdienen.

Wer weiß, was die Frau in der Tankstelle über mich dachte, als ich dort in Businesskleidung und mit der Gießkanne in der Hand auftauchte. Wir Menschen neigen leider häufig dazu, andere nach ihrem Äußeren oder ihrem Lebensstil zu bewerten – und liegen oft damit nicht richtig.

Gerade die, die weniger haben, sind oft sehr hilfsbereit

Als eine sehr wertvolle Erfahrung nehme ich aus meinem Wohnmobil-Jahr mit, dass gerade die Menschen, die weniger haben, sehr hilfsbereit sind. Vielleicht, weil sie über mehr inneren Reichtum verfügen? Oder haben sie selber erfahren, wie wichtig Hilfe ist bzw. was passieren kann, wenn diese ausbleibt?

Wir haben an diesem Abend noch Wasser bekommen, konnten duschen und uns eine feine, kleine Suppe kochen.

Ihre Barbara Messer

 

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