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Mein Bauch gehört mir!

Mein Bauch gehört mir!
Wir selbst sind unsere schärfsten Kritiker.

Die Parole, die in den bunten 1980er-Jahren als Button auf lila Latzhosen zu lesen war, bekommt mittlerweile viele andere Subtexte. Welche das sind, erläutert Barbara Messer in ihrer Kolumne.

Das Zitat „Frauen nehmen ab und zu, ab und zu“ katapultiert uns mitten ins Thema dieser Folge: den Schlankheitswahn bzw. unseren schärfsten Richter. Jedes Jahr, spätestens ab März, tauchen sie auf, die Super-Diäten auf den Titelblättern der Frauenmagazine. Und nicht nur unser gefüllter Einkaufswagen setzt uns beim Betrachten der Frauenmagazine am Zeitschriftenregal unter Druck, sondern auch unser Anspruch an uns selbst und unseren Körper.

Was für ein Wahnsinn, wenn wir denken, wir sind weniger schön, wenn wir nicht mit einer atemberaubenden (und in der Regel über viele Jahre hart „erarbeiteten“) Bikinifigur mithalten können.

Auch ich gehöre dazu

Manchmal stören mich meine drei bis fünf Kilo zu viel, die sich in manchen Wochen um meine Körpermitte ranken. Dabei sind sie ein Zeichen von Genuss. Entstanden an wundervollen Abenden mit Freunden oder Kollegen im Restaurant oder auf der Terrasse beim Grillen, durch das ausgedehnte Frühstück oder den Burger am Mittag mit der Freundin.

Achtung, ich plädiere hier nicht für Übergewicht. Als ehemalige Pflegekraft weiß ich nur allzu gut, dass im Übergewicht eine große Gesundheitsgefahr liegt – wie im Übergenuss generell. Doch sind wir gesundheitlich gefährdet oder weniger attraktiv, wenn wir drei bis fünf Kilo mehr auf den Rippen haben? Wohl kaum!

Mein Jahr im Wohnmobil öffnete mir hier die Augen. Die gewohnten Routinen mit den regelmäßigen Besuchen im heimischen Fitnessstudio, der vertrauten Laufstrecken am Heimatort und der praktisch eingerichteten Küche waren passé. Und vorbei war auch die gewohnte Privatsphäre.

Gemeinsamkeitsgefühl mit fremden Menschen

Ganz anders als in einer Wohnung oder einem Haus mit Treppenhaus oder Vorgarten, die für einen perfekten Übergang von der privaten in die öffentliche Welt sorgen, tritt man aus einem Wohnmobil direkt ins Leben und ist sichtbar. Die Möglichkeit, sich im Morgenmantel oder Pyjama auf Terrasse oder Balkon zu verstecken, ist im Wohnmobil nicht vorhanden. Was mir anfangs sehr schwer fiel, denn ich war es gewohnt, gerade nach meinen oft sehr öffentlichen Arbeitssituationen, mich in meinem gewohnten Rückzugsort zu begeben und aufzutanken.

Doch in meinem Wohnmobiljahr war alles anders und sehr ungewohnt. Denn hier war fast alles öffentlich. Nach und nach merkte ich jedoch, das es auch angenehm sein kann, einfach da zu sein: mit den Haaren, die noch nicht gemacht sind, den roten Schlappen, die einfach praktisch sind, dem kleinen Büro auf dem Campingtisch. Denn so ist das pure Leben da, stellt sich schnell ein Gemeinsamkeitsgefühl mit fremden Menschen ein, die alle den Raum gemeinsam teilen.

Wir selbst sind unsere schärfsten Kritiker

Fremde Menschen, die uns zum Essen einluden und mit uns persönliche Gespräche führten, sich beim Leben zuschauen ließen – egal, wie man aussah – inspirierten uns sehr. Die eben nicht maskiert, sondern ungeschminkt und einfach normal waren. Hier lernte ich, dass nur wir selbst unsere schärfsten Kritiker sind.

Also, schicken wir diesen Kritiker in den Urlaub oder am besten ganz weg, denn dann gehört uns unser Bauch auch wieder allein.

Ihre Barbara Messer

 

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Warum wir nicht viel brauchen, um glücklich zu sein
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Gabal Verlag (1. Auflage, März 2018)
15 Euro (D)
ISBN 978-3-86936-834-4