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Kostbares Gut Stille

Kostbares Gut Stille
Stille bietet Raum – um sich selber zu hören, dem Gegenüber zuzuhören, die Umgebung wahrzunehmen.

Haben wir in unserer schnelllebigen Zeit verlernt, inne zu halten und Stille auszuhalten? Oder warum sonst schalten viele sofort Fernseher, Computer oder Tablet an, wenn sie nach Hause kommen?

Im letzten Moment schiebt sich das große Wohnmobilschiff in die letzte Lücke direkt am Ufer des Mains in Aschaffenburg. Wir waren eine Minute zu spät. Schade, es war ein sehr schöner Platz, nur einen Meter vom Ufer entfernt. So bleibt uns nichts anderes übrig, als uns in die enge zweite Reihe zu stellen. Oder besser gesagt, zu quetschen.

Und dann dürfen wir einem typischen Schauspiel beiwohnen: Das große Wohnmobil – also eines dieser sehr großen, in deren Heckgarage sogar noch ein Smart Platz hat – stellt automatisch die Fernsehantenne auf dem Dach ein. Die beiden „Wohnmobilisten“ öffnen die Tür, so dass sie während des Fernsehschauens noch auf den Main schauen können.

Wir hingegen schauen kein Fernsehen. Zum einen, weil unsere Tage ausgefüllt genug sind. Zum anderen, weil wir in unserem kleinen Wohnmobil nicht genug Platz für einen Fernseher haben (https://die-ratgeber.info/leben/tatort-oder-nicht-fuer-viele-keine-frage/). Aber kein Problem, gerade an beschaulichen Sommerabenden lieben wir es, draußen zu sitzen, die Natur zu genießen und der Katze beim Stromern zuzuschauen.

Als Nomadin wird man robuster

Nun schauen wir statt auf den Main auf das große Wohnmobil, und hören unweigerlich den lauten TV-Geräuschen des Paares zu, die aus dem geöffneten Wagen strömen. Sich hier nicht aufzuregen oder gar wütend zu werden, bedarf schon einiges an Gelassenheit. Denn wie sehr hätten wir den Platz am Ufer genossen – zumal ein anstrengender Arbeitstag hinter mir lag und ich mich sehr auf die Idylle am Ufer gefreut hatte.

Als Nomadin wird man aber einerseits robuster, weil man gelernt hat, Unbequemlichkeiten hinzunehmen. Andererseits aber auch viel dünnhäutiger. Die vielen Monate unterwegs haben meine Sinne geschärft, denn sehr oft erlebt man die unmittelbare Umgebung sehr intensiv. Ein einsamer Stellplatz an einer Wiese ist daher ein Genuss. So ähnlich wie eine Zeltnacht an einer verwunschenen Stelle inmitten der Mecklenburger Seenplatte. Hier sind die feinen Töne und Geräusche der Natur herrlich – und fast ungestört zu hören. Neben dem leichten Regen, der stimmig aufs Dach pladdert und andere Geräusche sanft zudeckt, gibt es aber eben auch Menschen, die sich derart laut unterhalten, dass ich gezwungenermaßen in ihr Gespräch involviert bin.

Überall sind sie, die vielen Gespräche: die öffentlichen Telefonate in der S-Bahn, die Musikbeschallung im Supermarkt oder in der Einkaufspassage. Es scheint normal geworden zu sein, die dicken Kopfhörer aufzuhaben, und mit der eigenen Diskothek im Ohr durch die Straßen zu laufen. Und sicher kennen Sie auch Situationen, in denen Sie denken, es hätte Sie jemand angesprochen, dabei telefoniert die Person gerade lediglich mit einem kleinen Knopf im Ohr.

Fehlt Stille, fehlt etwas ganz Entscheidendes

Dabei bietet Stille Raum – um sich selber zu hören, dem Gegenüber zuzuhören, die Umgebung wahrzunehmen, einem Tier zuzuschauen, den eigenen Gedanken nachzuhängen. Stille ist für mich ein sehr kostbares Gut geworden. Denn wenn es um mich herum still ist, höre ich meine innere Stimme besser, kann in mich hineinhorchen oder eben auch – ungestört – meinen Gedanken nachhängen. Fehlt Stille, fehlt etwas ganz Entscheidendes.

Der Moment, wo das Herz einen Sekundenbruchteil still steht, ist das Pendant zum anschließenden Schlag. In diesem Moment der Stille ruht das Herz aus, um dann wieder kraftvoll das Blut durch den Kreislauf zu pumpen. Das ist für mich wie die zwei Seiten einer Medaille, wie Yin und Yang.

Haben wir in unserer schnelllebigen Zeit verlernt, inne zu halten und Stille auszuhalten? Oder warum sonst schalten viele sofort Fernseher, Computer oder Tablet an, wenn sie nach Hause kommen? Um sich nicht einsam zu fühlen?

Unser Wohnmobil-Team – bestehend aus zwei Frauen und einer Katze – hat in dem Jahr im Wohnmobil gelernt, Gespräche im vertrauten und intimen Rahmen zu führen. Es gab Tag für Tag genügend zu klären, was allerdings nur uns etwas anging.

Ihre Barbara Messer

 

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