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Irgendwas ist immer

Irgendwas ist immer
Viel zu oft hängt man fest – im gewohnten Trott, in der vielgenannten Komfortzone, im Leben.

Der Wunsch, etwas Größeres zu verändern, braucht Mut und Möglichkeiten. Wie wir beides finden, weiß unsere Kolumnistin Barbara Messer.

Ein ganzes Haus leerräumen und verkaufen, tausend Dinge aussortieren, sich von alten Erinnerungsgegenständen trennen, Minimalismus leben, aufbrechen, reisen und die Welt erleben – um neuen Erlebnissen Raum und Aufmerksamkeit zu geben. Das ist ein Traum, den viele Menschen haben. Sie lesen sehnsuchtsvoll Bücher und Blogs, die von Weltreisen handeln, konsumieren Zeitschriften mit Wohlfühltiteln. Los kommen sie aber nicht, weil da immer noch etwas ist: Die schulpflichtigen Kinder, der Leasingvertrag für das Auto, der neue Job, der Darlehensvertrag für das Haus, der pflegebedürftige Angehörige. Ganz nach dem Motto: Irgendwas ist immer.

Manchmal geht manches nicht. Manchmal passt das Zeitfenster der Möglichkeiten nicht mit den eigenen Wünschen überein. Aber ab und an öffnet sich das Zeitfenster und wir können die Möglichkeiten sehen, etwas Größeres zu ändern. Dann kann der Absprung in ein anderes Leben gelingen. Doch viel zu oft hängen wir fest – im gewohnten Trott, in der vielgenannten Komfortzone, im Leben eben.

Was spricht dagegen, beim Aussortieren so zu tun, als würden wir das Haus verkaufen?

So sehr wir auch im Alltag eingespannt sind, so werden wir doch auch getragen durch Familie und Freunde, durch unsere Verbindungen und Aufgaben, die uns Sinn geben. Ein Ausstieg ist also nicht ganz einfach. Und die Frage ist auch, muss er das sein? Reicht es nicht auch, alles mal auszuprobieren und nur so tun als ob? Was spricht dagegen, beim Aussortieren so zu tun, als würden wir Haus und Hof verkaufen?

Jeder hat täglich verschiedene Möglichkeiten, die Überflüssigkeiten aus seinem Leben zu verbannen. Wie gut es tut, Handy oder Tablett mal für ein paar Stunden oder gar Tage zur Seite zu legen, ist hinlänglich bekannt. Ähnliches gilt auch für Fernseher oder andere Gewohnheiten, die uns davon abhalten, weniger zu tun, um mehr Aufmerksamkeit für uns selbst zu haben.

Um zufriedener mit dem zu sein, was ich habe, hilft mir die (tägliche) Frage: Was brauche ich wirklich? Und was kann ich mit dem, was ich habe, alles tun? Dabei erinnere ich mich oft an meine Mutter, von der ich diese Gabe gelernt habe. Für jede Puppe oder jeden Teddy, den wir hatten, wurde jährlich der Geburtstag gefeiert. Mit einer einzigen kleinen Kuchenbackform richtete sie regelmäßig die stattfindenden Geburtstagsfeiern aus. Weniger ist mehr, war schon ihr Motto.

Ballast unerledigte Dinge

Wir können aber noch mehr tun. Wir können uns fragen, mit wie vielen Dingen die Wohnung oder das Haus angefüllt ist? Wie viele Blusen und T-Shirts gibt es, die noch auf ihren Einsatz warten? Wie viele alte Zeitungen und Zeitschriften stapeln sich, weil sie noch nicht gelesen sind und gerade deshalb nicht weggeworfen werden? Wie viele Treffen mit Familie oder wichtigen Menschen fanden nicht statt? Wie viele Vorhaben warten noch? Und damit meine ich die kleinen: Den Radausflug an den See, die Wanderung im Harz, der Besuch eines Konzerts.

Denn auch unerledigte Dinge liegen wie alte Zeitungen auf der Treppe und können zum Ballast werden.

Ihre Barbara Messer

 

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