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Herzbalance statt verstaubter Prävention

Herzbalance statt verstaubter Prävention
Das Herz unterstützen und stärken – und das innere Gleichgewicht finden.

Seit Jahrzehnten wird die Sterblichkeit in Deutschland von Erkrankungen des Herzens und des Kreislaufsystems angeführt. Christian Engelbert, seit Jahrzehnten mit Herzerkrankungen beschäftigt, hält daher ein radikales Umdenken im Bereich der Vorsorge und Prävention für dringend nötig.

Die Prävention wird in Deutschland seit Jahrzehnten beschworen – allerdings mit den gebetsmühlenartig wiederholten Appellen Übergewicht, Cholesterin und hohen Blutdruck zu senken, das Rauchen einzustellen und den Stress zu meiden. Prävention heißt also das Zauberwort. Damit soll die Krankheitsentstehung und der Verlauf eingedämmt, im Idealfall verhindert werden. Das Ergebnis ist jedoch niederschmetternd. Allenfalls in bestimmten Untergruppen der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit sind kleine Rückgänge zu verzeichnen, bei anderen allerdings eher eine Zunahme, wie der Herzbericht 2018 zeigt.

Daher sollte endlich eine Erweiterung im Verständnis von Herzinfarkt, Herzgefäßerkrankung, Herzschwäche, Rhythmusstörungen und Bluthochdruck stattfinden. Hilfreich ist dabei, die Herzfunktion nicht allein aus dem Blick der Mechanik zu erkennen. Die irrige Meinung, das Herz sei lediglich eine Pumpe, bringt uns deshalb nicht weiter. Vielmehr ist das Herz ein Wahrnehmungs- und Regulationsorgan, das im Zentrum des Kreislaufs viele wundersame Aufgaben vollbringt, die vielen Menschen gar nicht bekannt sind. So misst das Herz zum Beispiel den Mineraliengehalt, Säuregrad sowie die Volumenschwankungen des durchfließenden Blutes. Im ungünstigen Fett kann es mit speziellen Zellen „riechen“ und darauf reagieren. Es staut Blut zurück und verteilt es je nach Anforderung des Organismus. Das Herz produziert selbst Hormone, die den Wasser- und Salzgehalt im Körper balancieren.

Das Herz hat eine enge Verbindung zum Darm

Die vielbesungenen Gefühlsempfindungen mögen schmalzig anmuten. Doch das Symptom des gebrochenen Herzens kennt man in der Medizin als bedrohliches Ereignis. Vor allem ältere Frauen können nach einem traumatischen Seelenschmerz mit Symptomen reagieren, die an einen akuten Herzinfarkt erinnern – nur, dass das Herz organisch völlig gesund ist. Und wer kennt nicht das freudige „Herzklopfen“ des Verliebtseins oder das Gefühl einer unangenehmen Situation, bei der einem das Herz „in die Hose rutscht“.

Die Hirnforschung weiß inzwischen um die engen Verbindungen vom unbewussten Nervensystem mit den „Playern“ Sympathikusnerv (Gaspedal), dem Parasympathikusnerv (Entspannungssystem) sowie dem Neuro-Hormon-System („Stress-Hormone“). Das vegetative Nervensystem, wie es im Fachjargon heißt, ist heute schnell und einfach in seiner Funktion zu messen. In der Analyse der Herzraten-Variabilität (HRV-Messung) kann der Arzt in fünf Minuten die Balance oder Dysbalance im System ablesen und mit dem Patienten Lösungswege erarbeiten.

Und was die alten Chinesen bereits lehrten, kommt nun langsam auch bei uns durch die Forschung ins Bewusstsein: das Herz hat eine enge Verbindung zum Darm. So können die heute weit verbreiteten Störungen im Verdauungssystem kräftige Auswirkungen auf die Herzfunktion haben. Bei einer Histaminintoleranz beispielsweise können Blutdrucksteigerungen und unangenehme Herzrhythmusstörungen auftreten.

Herzbalance statt Beta-Blocker

„An den Zähnen hängt der ganze Mensch“ lautet eine uralte Erkenntnis, die heute in der ganzheitlichen Zahnmedizin zu einer Zusammenarbeit von Ärzten und Zahnärzten geführt hat. Zahnerkrankungen zum Beispiel der Weisheitszähne können das Herz kränken, weil eine direkte innere Verbindung besteht. So sollte man vor der isolierten Behandlung des Organs Herz den Blick auf den ganzen Menschen weiten. In der modernen Naturheilkunde gibt es wunderbare Heilmittel und hilfreiche Anwendungen, um das Herz-Kreislauf-System zu stärken und Symptome zu beeinflussen. Die moderne Hirnforschung bietet neue Techniken wie das Neurocoaching (Dr. Sven Sebastian), um das vegetative Nervensystem besser vor dem heute unvermeidlichen Stress zu schützen. Daraus resultieren ein besseres Lebensgefühl, ein wahrnehmbares Herunterfahren angespannter Systeme durch die aktive Veränderung der Gehirnfunktionen (Neuroplastizität). So ist es dann viel einfacher, bewusst Gewicht loszulassen (die Schutzschicht wird nicht mehr gebraucht), der Blutdruck reguliert sich, weil die Faust nicht mehr in der Hosentasche geballt werden muss.

Herzbalance statt Beta-Blocker, Herzmut statt Antidepressiva – die Zeit ist reif für eine neue Prävention.

 

 

Christian W. Engelbert ist Facharzt für Allgemeinmedizin und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Herzerkrankungen. Beim SCC Berlin baute er 1980 die erste Herzsportgruppe auf, seit 2007 hat er in Berlin eine Privatpraxis für Integrative Medizin. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit schreibt er regelmäßig Beiträge für verschiedene Fachzeitschriften und ist unter anderem Mitglied der Expertenrunde rbb 88.8 des Radio Berlin Brandenburg. Sein aktuelles Buch Herzbalance ist im herbig Verlag erschienen.