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Gehst du mal aus dem Weg

Gehst du mal aus dem Weg
Irgendwie „stören“ wir einander immer.

Dieser Satz macht mich nachdenklich. Manchmal nervt er mich auch. Anfangs hat er mich sogar sehr verletzt. Denn es ist eine unschöne Erfahrung, jemand anderem im Weg zu stehen. Gelernt habe ich: Wie so oft ist das richtige Maß entscheidend.

Normalerweise ist genug Platz – selbst in der Warteschlange im Supermarkt, zwischen den ganzen Einkaufswagen, haben wir immer noch ausreichend Spielraum. Können ein wenig zur Seite gehen, um einem eiligen Zeitgenossen ohne Einkauf Platz zu machen. Auch in Fußgängerzonen, an Flughäfen oder anderen öffentlichen Plätzen können wir meist – abhängig von der entsprechenden Gepäckmenge – ausweichen.

„Kannst du bitte mal zur Seite gehen“ war der Satz, den ich in meinem Jahr im Wohnmobil wohl am meisten hörte. Oft musste meine Partnerin den Satz gar nicht sagen, da ich schneller war und bereits das Feld geräumt hatte. Dann war es eher ich, die fragte, „Stehe ich im Weg?“. Und im Weg stand ich – und zwar ständig.

Das war nicht leicht anzuerkennen, zumindest anfangs hatte ich damit meine Probleme. Denn ich verband damit, dass ich störe. Ein altes Muster, wie mir inzwischen bewusst ist. Doch irgendwie „störten“ wir im Wohnmobil einander immer. Es gab genau drei Plätze, wo ich so gut wie nie im Weg war: das Bad, das Bett und mein angestammter Beifahrersitz.

Wacher in Alltagssituationen

Inzwischen hat meine Auseinandersetzung mit diesem Thema meine Wachsamkeit für Alltagssituationen geweckt. Und immer wieder beschäftige ich mich mit der Frage, wann ich anderen Menschen im Wege bin – und das im doppelten Sinne des Wortes: Liege ich mit meinem Beratungsgespräch wirklich richtig oder „drücke“ ich dem anderen Menschen meine Gedanken auf und bin damit seiner freien Entwicklung im Weg? Mit meinem Konsumverhalten hinterlasse ich einen Fußabdruck. Damit bin ich gewissermaßen auch im Weg, denn ich habe eine „negative Auswirkung“ auf andere. Nur bekomme ich das nicht direkt mit, die Folgen sind weit weg.

Und dann stehe ich physisch im Weg, weil ich gerade einem Gedanken nachhänge und andere nicht wahrnehme, weil ich in Tagträumen verhaftet auf mein Handy starre. Dieses „im Wege sein“ scheint sich immer mehr zu verbreiten. Ich bin zwar überzeugt davon, dass es uns nicht immer gelingen kann, niemanden im Wege zu sein. Aber dennoch können wir unsere Wahrnehmung steigern und mehr über den eigenen Tellerrand blicken: Wie gehe ich damit um, wenn ich darauf angesprochen werde? Reagiere ich mit Entrüstung, mit Bedauern, mit Verständnis? Wann gelingt es mir, gewissermaßen darüberzustehen? Wann reagiere ich empfindlich?

Die Dosis macht das Gift

Vor einiger Zeit war ich bzw. mein Wohnmobil im Weg. Ich parkte am Rand einer kleinen Straße. Vor mir eine Wiese und hinter mir eine kleine Siedlung mit Einfamilienhäusern. Ich wollte für ein längeres berufliches Telefonat den ruhigen Platz mit Blick auf einen See genießen.

Kaum stand ich einige Minuten dort, kam der laut schnaubende Bewohner des Hauses, dem ich am nächsten stand, und fuhr mich an, dass ich kein Recht hätte, dort zu stehen: Ich „verunstalte seine Aussicht“. Fassungslos unterbrach ich mein Telefonat und fuhr weiter.

Wie so oft ist das richtige Maß entscheidend, die Dosis macht das Gift.

Ihre Barbara Messer

 

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