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Gefahren der Selbstvermessung

Gefahren der Selbstvermessung
Unser digitaler Fußabdruck verrät viel mehr über unser alltägliches Verhalten, als wir ahnen.

Wir übergeben neuen Technologien die Kontrolle: Apps und Algorithmen sagen uns, was gut oder schlecht für uns ist. Verbessern wir damit unsere Lebensqualität oder verlernen wir so, auf unsere Intuition und unser eigenes Körpergefühl zu hören?

Mit neuesten Gadgets wie Fitnessarmbändern und entsprechenden Apps messen wir unser tägliches Verhalten. Egal ob Kalorien- oder Schrittzahlen, Blut- oder Stimmungswerte: Wir sind vermessbar wie nie zuvor. Mit jeder Datenspur aber gewinnt unser digitaler Doppelgänger an Kontur. Big Data ist der Begriff der Stunde und Algorithmen die Superkraft im Reich der Zahlen. Dabei verrät unser digitaler Fußabdruck mehr über uns als so mancher ahnt. Anhand von ein paar Klicks im Internet können unsere Vorlieben, Interessen und Einstellungen abgelesen werden. Unsere Daten werden zur Ware und zum Tauschobjekt der Bequemlichkeit.

Dabei wirft der um sich greifende Vermessungswahn verschiedene Fragen auf, die tief in die menschliche Existenz reichen, aber auch ganz praktischer Natur sind: Was bedeutet es eigentlich für uns als Menschen, wenn Zahlen uns vermeintlich besser beschreiben als wir selbst es könnten? Sind Zahlen und Daten überhaupt ein Weg zur Selbsterkenntnis? Und inwieweit lässt sich unsere Realität überhaupt mit Nullen und Einsen abbilden? Die Vorteile einer vermessenen Welt gehen mit den drohenden Gefahren Hand in Hand.

Viele Apps und Geräte zur Selbstvermessung unterliegen keiner Qualitätskontrolle

Zahlen sind auf den ersten Blick objektiv, wertneutral und gerecht. Sie helfen dabei, Dinge zu beschreiben, zu klassifizieren und zu vergleichen. Werden sie komplexer, lassen sich mit ihrer Hilfe Muster und Regelmäßigkeiten erkennen, Vorhersagen tätigen und Kontrolle ausüben. Statistik und Algorithmen sind die Werkzeuge, mit denen das gelingt. Bei Algorithmen handelt es sich um Lösungsverfahren in Form einer Verfahrensanleitung, die in einer wohldefinierten Abfolge von Schritten von einem Problem zur Lösung führt, wie beispielsweise Partnervorschläge auf Single-Börsen, die Schaltung passender Werbung im Internet oder auch die Auswahl der angezeigten Inhalte in sozialen Netzwerken.

Doch so groß die Faszination des vermessenen Ichs auch sein mag, so sollte sie doch nicht von den potentiellen Gefahren und Folgen ablenken. Bei den Gefahren handelt es sich vor allem auch um methodische und datenbezogene Probleme. Beispielsweise unterliegen viele der auf dem Markt verfügbaren Apps und Geräte zur Selbstvermessung keiner Qualitätskontrolle oder wissenschaftlichen Überprüfung ihrer Gültigkeit und Genauigkeit. So wird bei vielen Fitnesstrackern etwa der Kalorienverbrauch mit einem Fehler von mindestens 20 Prozent angezeigt. Auch hier sind es Algorithmen, die den Energiebedarf und -verbrauch berechnen.

Was bedeutet es für uns als Menschen, wenn Daten uns vermeintlich besser beschreiben als wir es könnten?

Bei der Selbstvermessung spielen auch verschiedene psychologische Beobachtereffekte eine Rolle, die die Genauigkeit der Messungen und deren Aussagekraft schmälern können. Das Problem bei der Selbstvermessung ist, dass wir im experimentellen Sinne sowohl Versuchsleiter als auch Beobachtungsobjekt sind. Beispielsweise kann es allein durch das Wissen, dass man beobachtet wird, zu Verzerrungen der Ergebnisse kommen (Hawthorne-Effekt).

Zusätzlich sei an dieser Stelle auch auf potentielle Probleme des Datenmissbrauchs hingewiesen. Außerdem ist für die Nutzbarmachung der Daten deren Interpretation ganz entscheidend. Das mag bei dem eigenen Körpergewicht noch sehr leicht sein, wird aber spätestens bei etwaigen Blut- oder Stimmungswerten schwieriger. Trauen wir uns selbst die Interpretation nicht zu, haben wir keine andere Möglichkeit, als uns auf die der Apps und Geräte zu verlassen oder eigenen fehlerhaften Interpretationen zu vertrauen.

Aber was bedeutet es eigentlich für uns als Menschen, wenn Daten uns vermeintlich besser beschreiben als wir es könnten? Als Gegenbild zu unserem digitalen Doppelgänger vermessen wir und werden vermessen. Beide Rollen trennen sich automatischen voneinander. Indem wir uns zum Objekt der Vermessung machen, entfremden wir uns gleichzeitig auch von uns selbst als Beobachter.

Eine weitere Gefahr liegt in einem möglichen Vertrauensverlust in uns selbst

Wenn wir zum bloßen Abbild werden, zum Daten-Selfie, könnte viel unserer echten Erfahrungswelt verlorengehen, das reale Erleben durch unsere Sinne. Anstatt unseren Körper durch eigene Wahrnehmung zu erleben, schauen wir uns lieber Daten über ihn an. Damit laufen wir Gefahr, uns von unserer qualitativen Wahrnehmung zu entfernen, den Zahlen mehr zu vertrauen als uns selbst und unser Körpergefühl zu verlieren. Dabei ist es gerade dieses Körpergefühl, das uns hilft, zu verstehen, was unser Körper braucht und will, was er kann und was nicht.

Eine weitere Gefahr liegt in einem möglichen Vertrauensverlust in uns selbst. Wir fragen unser Smartphone, wie viel wir essen, wie viel wir uns bewegen und was wir sonst noch so machen sollen, bis wir gar ganz aufhören, uns diese Fragen überhaupt noch zu stellen. Dabei sitzen wir doch selbst an der Quelle, während Zahlen, Daten und Geräte nur einen indirekten Zugang zu uns vermitteln. Zahlen können uns bestenfalls beschreiben, aber Erkenntnisse und Verstehen entstehen erst durch die qualitative Auseinandersetzung mit den Daten, was Geräte und Algorithmen kaum leisten können. Zudem kann Vertrauen nur dort geübt werden, wo ein gewisser Grand an Nichtwissen vorherrscht. Wenn wir aber alles über uns „wissen“, haben wir keine Möglichkeit mehr, uns, unserer eigenen Wahrnehmung und unserem Körpergefühl zu vertrauen. Juli Zeh bezeichnet Selbstvermessung daher sogar als Gegenteil von Selbstvertrauen.

Selbstvermessung befriedigt das Bedürfnis nach Kontrolle, Ordnung und Vorhersagbarkeit

Auch die Abgabe der Kontrolle könnte zum Problem einer vermessenen Welt werden. Selbstvermessung befriedigt das Bedürfnis nach Kontrolle, Ordnung und Vorhersagbarkeit. In einer komplexen und unübersichtlichen Welt scheinen für manche der Körper und das eigene Verhalten die einzigen Bereiche der Kontrollmöglichkeit zu sein. Das Gefühl der Kontrolle ist jedoch trügerisch, denn nicht wir sind es, die da messen, sondern Geräte, Programme und Apps. Es besteht die Gefahr, dass wir die Kontrolle immer mehr ihnen überlassen, wodurch unsere Selbstbestimmung abnimmt.

Aber wie sieht sie aus, die gute Selbstvermessung? Gibt es sie überhaupt? Meiner Meinung nach gibt es im Wesentlich sechs Aspekte oder Prämissen, unter denen Selbstvermessung für uns tatsächlich nützlich und sinnvoll sein kann:

  1. Zahlenminimalismus: So wenig wie möglich, aber so viel wie nötig.
  2. Zielgebundenheit: Es wird ein bestimmtes/r Ziel/Zweck verfolgt, was nicht im alleinigen Optimierungsstreben besteht.
  3. Kontexteinbettung: Sowohl vor als auch nach der Selbstvermessung spielen qualitative Aspekte für Auswahl und Interpretation eine wesentliche Rolle.
  4. Verstehen: Man versteht, wie die Daten entstehen und was sie bedeuten.
  5. Hilfsmittel: Die Selbstvermessung ist ein Hilfsmittel zum Erkenntnisgewinn und nicht alleinige Wahrheit.
  6. Wissen über Fehleranfälligkeit: Man kennt die Schwächen und möglichen Fehler der Methode.

 

 

Dr. Vivien Suchert, Autorin, Referentin und Dozentin, studierte Psychologie in Dresden und promovierte anschließend an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. In ihrem ersten Buch Sitzen ist fürn Arsch geht es um die gesundheitlichen Folgen unseres sehr bequemen Lebensstils. Mit Das vermessene Ich widmet sie sich einem weiteren relevanten Thema unserer Zeit: der Selbstvermessung und der Herrschaft der Zahlen und Daten.