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„Männer jagen Erfolgs-Kaninchen!“

„Männer jagen Erfolgs-Kaninchen!“
Im Job wird erwartet, dass wir im Alter etabliert sind und unsere Position ausbauen. Hier ist kein Raum für Angsthasen.

Ich mag keine Nagetiere – und trotzdem habe ich ein Kaninchen als Haustier. Das Gute daran: nur ich kann es sehen. Das schlechte: es macht mir Angst, dieses Erfolgs-Kaninchen!

Bevor Sie denken, ich sei völlig gaga, ich spreche von meinem inneren Erfolgs-Kaninchen. Dieses kleine flauschige Wesen, das sich immer genau dann zeigt, wenn ich gerade total unter Druck stehe, etwas leisten zu müssen.

Wenn ich es also am wenigsten gebrauchen kann, setzt sich dieser erstaunlich schwere Angsthase mitten auf meine Brust – und schnürt mir die Luft ab. Kennen Sie dieses Kaninchen-Feeling auch? Klein und unschuldig kommt es daher, will gestreichelt werden, schaut uns mit großen fordernden Augen an und dann – HAPS! Verbeißt es sich, und lässt nur schwer wieder los.

Baustelle „Erfolg“

Auch wenn sich im Rollenverständnis gerade vieles im Wandel befindet, habe ich doch das Gefühl, mich als Mann ständig beweisen zu müssen. Beruflich – sonst bin ich weg vom Fenster und bekomme keine Anerkennung von meinem Umfeld. Finanziell – ich bin für meine Familie und meine Mitarbeiter verantwortlich. Und auch sportlich – denn Männer gelten als stark und lieben das Kräftemessen.

Das sind viele Erfolgsbaustellen in meinem Leben, die von mir und auch meinen Mitmenschen mit einer relativ einheitlichen Messlatte gemessen werden. Der Druck ist hoch. Aber wenn ich mir meine Ergebnisse aus dieser Perspektive so anschaue, klopfe ich mir selbst jovial auf die Schulter und sage mir: „Schmitt, Du harter Hund – gar nicht so schlecht performt.“

Aber warum stellt sich keine innere Zufriedenheit oder ein Glücksgefühl über das Erreichte ein, sondern ganz im Gegenteil, das bleischwere Erfolgskaninchen hüpft auf meinen Arm und macht sich schwer? Immer, wenn sich ein Erfolg einstellt, hängt die Latte danach noch ein Stück höher. Auf den eigenen Lorbeeren ausruhen ist keine Option, denn sie werden sofort wieder vom Erfolgskaninchen angeknabbert. Weiter, höher, mehr!

Das Lebensglück ist ein „U“

Das Empfinden des eigenen Glücks soll sich nach einer Studie der britischen Ökonomen David Blanchflower und Andrew Oswald über die Dauer des Lebens als U-Kurve darstellen lassen. Demnach sind wir als Kinder und als Greise am glücklichsten. Der Tiefpunkt ist statistisch gesehen mit 42,9 Jahren erreicht. Kein Wunder also, dass die Angst nicht erfolgreich zu sein, bei mir mit 42 Jahren gerade so präsent ist. In dieser Phase des Lebens besteht für uns der maximale Stressfaktor. Wir zerreißen uns fast, um all unseren vermeintlichen Erfolgsfaktoren gerecht zu werden.

Im Job wird erwartet, dass wir in diesem Alter etabliert sind und unsere Position ausbauen. Wer es bis jetzt nicht geschafft hat, gehört in ein paar kurzen Jahren zum alten Eisen und wird von heranwachsenden Young Professionals überholt und abgehängt. Viele haben eine Familie gegründet, die gehegt und glücklich gehalten werden will.

Quality time ist hier das Zauberwort und dabei sollen möglichst der Stress von der Arbeit ausgeklammert werden. Rein in den Feierabend und bitte sofort den Hebel auf geduldigen Familienvater umlegen. Regeneration? Keine Zeit! Gleichzeitig soll alles, was bis zu diesem Zeitpunkt auf die Spur gebracht wurde, auch finanziert werden: Das Haus, das Auto, das Pferd, der Urlaub. Man will es schließlich „gut haben“. Mindestens so gut wie die anderen – eigentlich aber besser.

Schluss mit Schema E – wie Erfolg

Auch wenn meine Glückskurve, zumindest statistisch gesehen, in ein paar Monaten wieder ansteigen sollte, habe ich beschlossen, mein Erfolgs-Kaninchen in die Freiheit zu entlassen. Das ist nicht einfach, denn die Fronten sind klar – die alten Definitionen von Erfolg auch. Aber das Erfolgs-Kaninchen ist mir auf Dauer zu schwer geworden. Es ist weder niedlich, noch macht es mich zufrieden.

Unsere Gesellschaft entwickelt sich mehr und mehr hin zum Individualismus – nur das Konzept von Erfolg hinkt hinterher. Warum gehen Manager „in Urlaub“, obwohl sie eigentlich ihren Burnout therapieren sollten? Warum werden Väter nicht befördert, wenn sie Elternzeit nehmen? Oder gehen Gewichte stemmen, wo ihnen Yoga doch viel besser gefällt? Sind die Erwartungen an Erfolg so klar vorgegeben, fällt es schwer, sich davon frei zu machen.

Sicher ist, für die anderen erfolgreich zu sein macht mich nicht zufriedener, sondern beschert mir nur unerwünschte Haustiere, die mir die Luft abschnüren. Jetzt gilt es, meine ganz persönliche Erfolgsdefinition zu finden und zu verinnerlichen. Ich mache Schluss mit der Angst, nicht erfolgreich zu sein und nehme die Herausforderung wie ein Mann: Das wird die höchste, steilste und weiteste Glückskurve, die meine Kollegen je gesehen haben!

Lesen Sie auf die Chefin, wie Frauen mit ihrem „Kaninchen“ umgehen.

 

 

Ralf Schmitt ist seit mehr als 15 Jahren als Moderator, Speaker, Trainer und Autor tätig. Als Experte für Spontaneität und Interaktivität entwickelt er mit seiner Firma Impulspiloten Konzepte für Firmenevents und Change-Prozesse. Gemeinsam mit Mona Schnell hat er sich in seinem aktuellen Buch Kill Dein Kaninchen! Wie Du irrationales Ängste kalt stellst einen ganzen Stall unserer irrationalen Ängste vorgenommen.