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Jeder kann gut reden!

Jeder kann gut reden!
Niemand muss sich komplett neu erfinden, um überzeugend zu sein.

Davon ist Isabel García überzeugt. Sie entlarvt die größten Kommunikationsirrtümer und zeigt eine Rhetorik, die dem Sprecher gerecht wird sowie zu mehr Überzeugungskraft führt.

An allen Ecken und Enden werden wir belehrt, wie wir zu reden haben. Wer die Arme verschränkt, ist dagegen. Wer sein Bein in Richtung des Gesprächspartners über das andere kreuzt, zeigt damit seine Sympathie. Wer bei Vorträgen zu viel hin und her läuft, wirkt inkompetent. Dies sind nur einige Beispiele von einem ganzen Katalog an Regeln.

Wird das miteinander Kommunizieren wirklich einfacher, wenn wir uns an all diese Regeln halten? Geben die überhaupt Sinn? Ich bin der Meinung, dass wir nicht mehr Regeln brauchen, sondern mehr Kommunikation. Und da viele Regeln unlogisch klingen und meiner Trainererfahrung widersprechen, habe ich mich auf die Suche nach dem Sinn hinter den Regeln begeben.

Mythos 1: Mit verschränkten Armen können Sie nicht so gut zuhören und nehmen 38 Prozent weniger Inhalt auf, als wenn Sie mit einer offenen Körperhaltung zuhören

Generell wird immer wieder gepredigt, dass verschränkte Arme negativ wirken und auf alle Fälle vermieden werden sollten. Denn Personen strahlen so Ablehnung und Abgrenzung aus. Ist das wirklich so? Manchmal sicher ja. Ganz häufig ist es jedoch einfach nur eine bequeme Haltung. Und diese Studie, die die 38 Prozent ermittelt hat, gibt es nicht. Zumindest wird sie nirgendwo genannt, sondern nur der Hinweis, dass mit einer unbekannten Anzahl von Studenten an einer Universität irgendwo in den USA diese 38 Prozent heraus kamen. Was noch nicht einmal ansatzweise in die Nähe einer seriösen Studie kommt!

Es gilt also: Wenn Sie sich mit verschränkten Armen wohl fühlen, dann machen Sie es ruhig – solange Sie nicht non-stop so dastehen bzw. sitzen.

#bessersprechertipp: Nichts ist so toll, dass Sie es immer machen sollten und nichts ist so schlimm, dass Sie es nie machen dürfen.

Mythos 2: Verwenden Sie keine Negationen, weil Ihr Gehirn die nicht verstehen kann

Vor einigen Jahrzehnten entstand dieser Mythos und noch immer wird er gerne verbreitet, obwohl er wissenschaftlich schon lange widerlegt wurde. Natürlich kann unser Gehirn Negationen (kein, nicht, etc.) verstehen. Allerdings stürzt sich unser Gehirn bei einem Satz zuerst auf die Bilder. Bei dem Satz: „Hoffentlich werde ich nicht krank“ beispielsweise also auf das Bild der Krankheit, was sich auf unseren Körper auswirkt, bevor unser Gehirn das „nicht“ im Satz entdeckt. Doch dann ist es zu spät, das Bild der Krankheit hat eventuell schon Stress ausgelöst, ruft somit Cortisol und Adrenalin auf den Plan und die senken das Immunsystem.

Mit dem Wissen, dass Bilder in einem Satz sofort eine Auswirkung haben, wäre es schlau, sich auf eine positive bildhafte Sprache zu konzentrieren, anstatt Negationen zu vermeiden, die unser Gehirn durchaus versteht.

#bessersprechertipp: Achten Sie darauf, welche Worte Sie benutzen. Zahlen die auf Ihr Ziel ein? Sind sie motivierend? Oder machen sie Angst?

Mythos 3: Halten Sie Ihre Hände beim Reden immer im positiven Bereich

Schauen Sie sich einen Redner auf der Bühne oder einen Moderator im Fernsehen an. Die meisten winkeln Ihre Arme an und halten ihre Hände auf Höhe der Gürtelschnalle, da dieser Bereich neutral sein soll. Der Bereich oberhalb der Gürtelschnalle ist demnach positiv. Sobald Sie die Hände aber im Gesicht haben, könnte dies schon wieder auf eine Lüge hindeuten – so die vielgepredigte Meinung. Fragen Sie mal einen Schauspieler, ob er seine Hände immer in Gürtelhöhe hält, um eine Rolle neutral oder positiv zu spielen. Die Antwort wird ein klares Nein sein.

Überlegen Sie doch einfach mal, wo Sie Ihre Hände haben, wenn Sie zu Hause der Partnerin/dem Partner ein Kompliment machen. Sind die Hände, ähnlich wie bei Frau Merkel, in Taillenhöhe ineinander verknotet? Wahrscheinlich nicht. Mal verschränken Sie die Arme, mal lassen Sie die Arme einfach fallen. Sie vergraben die Hände in den Hosentaschen, halten gerade einen Becher mit Kaffee oder fuchteln wild in der Luft herum. Sie können natürlich in allen Fällen positiv reden. Wichtig ist, dass Sie Ihre ureigene, authentische und somit überzeugende Körpersprache finden.

#bessersprechertipp: Erkunden Sie Ihre eigene Körpersprache. Lassen Sie sich von Kindern oder Freunden erzählen, wo Sie normalerweise Ihre Hände haben, wenn Sie reden. Finden Sie heraus, wie Sie Ihre Hände gerne bewegen, damit Sie nicht ständig im Beruf oder bei Präsentationen mit der Merkel-Raute unterwegs sind.

Mythos 4: Sagen Sie nie ABER. Sagen Sie dafür UND

Natürlich ist es schlau, wenn Sie nicht zu Ihrem Kollegen sagen: „Sie sind echt fleißig, aber leider ist alles falsch was Sie machen.“ So hätten Sie sich das Kompliment sparen können, denn das Aber schwächt die vorherige Aussage. Nicht mehr und nicht weniger. Beginnen Sie mit einem negativen Satz, ergibt ein Aber Sinn, weil Sie so das Negative relativieren. Zum Beispiel: „Die Deutschen sind viel zu regelverliebt, aber einige Regeln ergeben durchaus Sinn.“ Warum sollten wir also jedes Aber durch ein Und ersetzen? So wird der Inhalt häufig komplett verändert oder klingt zumindest sehr eigenartig: „Die Deutschen sind viel zu regelverliebt und eine Regeln ergeben durchaus Sinn.“ Das funktioniert nicht. Natürlich können Sie zu anderen Worten greifen, wie zum Beispiel „und gleichzeitig“. Dies würde bei diesem Beispielsatz funktionieren.

Die Frage ist: Warum ein so feines Wort wie „aber“ generell in die verbale Wüste schicken?

#bessersprechertipp: Wenn Sie eine negative Aussage haben, dann dürfen Sie danach natürlich ein „Aber“ verwenden, um die Aussage zu relativieren. Etwas Negatives mit einem „Aber“ abzuschwächen ist gut. Etwas Schönes hingegen mit einem „Aber“ zu relativieren, fühlt sich für die meisten nicht gut an.

 

Richten Sie sich in der Kommunikation lieber grob an folgende Leitplanken: Es gibt kein müssen, kein immer, kein nie und kein nur. Und nichts ist so schlimm, dass Sie es nie machen dürfen und nichts ist so toll, dass Sie es immer machen sollten. Nehmen Sie sich selbst bewusst wahr, um bewusst authentisch auftreten zu können. Und dann gibt es noch die eine feste, unumstößliche Regel: Haben Sie Spaß!

 

 

Isabel García gehört zu den führenden Kommunikationsexperten Deutschlands. Seit ihrem 14. Lebensjahr beschäftigt sie sich mit Kommunikation und Rhetorik. Sie änderte so lange ihren Beruf, bis sie bei ihrem persönlichen Ziel ankam: als Rednerin auf der Bühne stehen und Menschen berühren. Sie hat mehrere erfolgreiche Bücher und Hörbücher veröffentlicht. Dieser Beitrag stammt aus dem Buch Die Bessersprecher.