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Eine Rede ist ein Dialog…

Eine Rede ist ein Dialog…
Mit einem überraschenden Einstieg, einer persönlichen Geschichte oder einer kreativen Aktion die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen.

…auch wenn nur einer spricht. Wollen wir souverän sprechen und die eigene Wirkungsmacht maximieren, sollten wir uns zu Herzen nehmen, dass Mitteilung von miteinander teilen kommt.

Ein Vortrag ist immer ein Dialog, ein Gespräch von Anfang an, auch wenn scheinbar nur einer redet. Denn in Wirklichkeit „antworten“ Publikum und Zuhörer permanent. Die Frage ist nur: Sind Sie bereit, die Signale aufzunehmen und Ihren Vortrag an ihnen auszurichten?

Drei Beispiele, was passieren kann, wenn wir es nicht tun: Der Gewerkschaftsfunktionär schaltet in seinen Empörungsmodus, brüllt seine Zuhörer an, und haut mit der Faust aufs Rednerpult. Als Zuhörer fragen wir uns nach dem Grund und denken am Ende eventuell sogar noch, wir wären der Grund für sein Ärgernis. Die Uniprofessorin auf der anderen Seite redet ohne Punkt und Komma, weil sie das geballte Wissen aus ihrem 90-minütigen Vortrag in 45 Minuten unterbringen will. Ihre Worte kommen wie aus der Maschinenpistole. Wir merken zwar, dass ihr ihre Inhalte wichtig sind, fühlen uns aber gleichzeitig hilflos, denn das Alles können wir uns nie merken, geschweige denn verarbeiten. Der Comedian hebt automatisch seine Stimme an, weil er merkt, dass ihm sein Publikum entgleitet – jetzt, wo er auch noch laut wird, ziehen wir uns erst recht zurück.

„Wenn einer spricht, müssen die anderen zuhören – das ist deine Gelegenheit! Missbrauche sie.“ Dieses Zitat stammt wohlgemerkt aus Tucholskys Ratschlägen für einen schlechten Redner. Auch die drei Beschriebenen haben ihre Redemacht quasi missbraucht und ihre Zuhörer verloren, weil sie sich nicht die Mühe gemacht haben oder nicht in der Lage waren, ihren eigenen Auftritt aus der Sicht des Publikums zu betrachten. Dabei glaubt der Gewerkschafter, diese gespielte Empörung seinen Zuhörern schuldig zu sein. Die Professorin sieht sich außerstande, ihr wertvolles Wissen der Redezeit anzupassen, und der Comedian will Wirkung – um jeden Preis.

Ein wirkungsvoller Anfang

Das Gespräch beginnt schon bevor das erste Wort gefallen ist. Daher kann schon der Anfang eines Vortrags eine echte Herausforderung sein: Wie beginne ich einen Dialog mit dem Publikum, wenn sich alle unterhalten, allerdings untereinander und nicht mit mir? Ich brauche als erstes die volle Aufmerksamkeit. Einfach mit dem Programm beginnen, in der Hoffnung, dass die Leute schon irgendwann zuhören werden, ist dabei keine gute Taktik. Damit sind die ersten drei Minuten auf jeden Fall schon mal „verbrannt“, weil die Hälfte des Publikums sie nicht gehört hat.

Mit einem überraschenden Einstieg, einer persönlichen Geschichte oder einer kreativen Aktion, können Sie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie können zum Beispiel eine „Schatzkiste“ mitbringen, in der sich gelbe Smiley-Aufkleber befinden. Sie kleben einen Smiley auf Ihre Jacke und erzählen von einem Anlass, bei dem Sie in der Schule keinen solchen Smiley bekommen haben und was das mit Ihnen gemacht hat. Dann können Sie zu Ihrem eigentlichen Thema überleiten, dass diese Art der Nicht-Würdigung heute noch immer praktiziert wird.

Sie können auch singen, ein Streichholz anzünden, einen Luftballon zum Platzen bringen. Alles ist erlaubt, solange Ihr Einstieg eine Sichtweise einbringt, die unerwartet kommt, aber eine inhaltliche Brücke zu Ihrem Thema schlägt, Ihre Zielgruppe also „abholt“. Bei einem sehr unruhigen Publikum kann aber auch diese Aktion verpuffen.

„Ruhe dahinten!“ – Ihr Publikum zum Zuhören bringen

In solchen Fällen, stelle ich mich einfach nur hin und sage nichts, bis relative Ruhe einkehrt. Ich versuche, nicht grimmig zu schauen, sondern freundlich und konzentriert meine Gesprächspartner wahrzunehmen. Bisher habe ich damit noch fast jeden Saal ruhig bekommen – aber es kann bis zu 15 Sekunden dauern, bis genügend Aufmerksamkeit im Raum ist. 15 Sekunden sind lang auf der Bühne. Der „Schweigetrick“ erfordert also ein bisschen Furchtlosigkeit. Was helfen kann ist die Vorstellung, dass Sie noch einen ganzen Chor mitgebracht haben und erst warten müssen, bis sich dieser hinter ihnen geordnet aufgestellt hat.


3 Tipps für den Dialog mit dem Publikum

Haben Sie die volle Aufmerksamkeit und freie Bahn zu wirken, halten Sie Ihren Dialog mit diesen drei Tipps aufrecht:

1. Atmen und Pausen machen

Wie die Stille am Anfang, sind auch für viele die Pausen während des Redeflusses eine Herausforderung. Dabei sind wir, wenn wir jemandem zuhören, automatisch mit seinem Atemrhythmus verbunden. Die Verbindung beginnt ab dem Moment, an dem wir unsere Aufmerksamkeit auf den anderen richten. Wer ohne Punkt und Komma spricht, verweigert nicht nur sich das Atmen, sondern auch seinem Publikum. Ihr Zuhörer hat dann nur drei Möglichkeiten: Er steigt gedanklich aus und widmet sich seinem Smartphone oder Sitznachbarn oder er geht aus dem Saal. Spätestens das merkt der Redner meist, wird nervös, dass er sein Publikum verliert und wird noch schneller und atemloser. Ein fataler Kreislauf. Pausen einlegen und atmen sind also besonders wichtig, aber auch eine der größten Herausforderungen.

Die Pausen brauchen Sie aber nicht nur zum Atmen. Sie bieten gleichzeitig Ihren Zuhörern die Gelegenheit, über Ihre Äußerungen nachzudenken und sie gedanklich zu verarbeiten. Es ist ein bisschen so wie beim Billardspielen: Wenn ich mit dem Queue die weiße Kugel anstoße, muss ich das „Klonk“ abwarten, bevor ich die nächste Kugel anvisiere und mit der weißen zu treffen versuche. Viele stoßen die zweite und dritte Kugel schon an, während die erste noch rollt. In der Folge haben sie ein überfordertes Publikum, das immer verzweifelter versucht, die zahlreichen Kugeln aufzufangen, um irgendwann entmutigt aufzugeben. Die Folge: Am Ende bleibt nichts hängen.

Aber wann ist der richtige Zeitpunkt? Ich mache gerne vor den sogenannten Big Points, den Kernaussagen meines Vortrages, eine Kunstpause, möglichst mitten im Satz vor der entscheidenden Stelle. Damit lenke ich bewusst die Aufmerksamkeit meiner Zuhörer auf die entscheidende Botschaft. Im Bühnenjargon heißen diese Redestopps deshalb „Wirkungspausen“. Richtig angewandt, können sie die Aussagekraft eines Vortrags um ein Vielfaches erhöhen. In diesen Atempausen müssen Sie dann aber auch tatsächlich atmen, sonst nützt die Pause weder Ihnen noch Ihrem Publikum.

Die wichtigsten Momente sind die, in denen nicht gesprochen wird. Geben Sie Ihren Zuhörern daher auch nach den wichtigsten Aussagen Zeit. Den Chor haben Sie sich ja schon zu Beginn vorgestellt. Nach jedem wichtigen Satz, imaginieren Sie den Einsatz des Chores, der aus einem einzigen Wort besteht: „Halleluja!“ Auch dieses Wort müssen Sie „durchlassen“, das heißt, Sie machen in der Zeit, in der das Wort fällt, eine Pause und sprechen erst im Anschluss wieder.

2. Nehmen Sie jede vermeintliche Störung als Impuls auf

Jeder Versuch, etwas zu ignorieren, was augenscheinlich da ist, ist letztlich auch ein Unterschätzen Ihrer Zuhörer. Denn nur, weil Sie einen Zwischenfall nicht zur Kenntnis nehmen, ist er ja nicht unsichtbar für das Publikum. Spätestens bei Zwischenrufen wird die Dialog-Struktur offensichtlich: Ihre Bemerkungen haben eine Entgegnung oder Erwiderung provoziert. Eigentlich kann Ihnen nichts Besseres passieren. Darauf müssen Sie antworten. Die Kunst besteht dabei darin, Ihre Entgegnung so knapp wie möglich zu halten – Sie möchten ja kein Privatgespräch mit einem Einzelnen führen, bei dem sich die anderen möglicherweise ausgeschlossen fühlen.

Floskeln wie „Dazu komme ich später noch“ sind tabu. Ihr Gegenüber hat jetzt eine Frage, beantworten Sie sie nach Möglichkeit sofort; Sie befinden sich ja im Gespräch. Haken Sie am besten sogar noch nach: „Ist damit Ihre Frage beantwortet?“ Beantworte ich die Frage erst 30 Minuten später, ist das Interesse vielleicht erloschen. Und Sie haben eine gute Möglichkeit verpasst, Ihre Zuhörer da abzuholen, wo sie gerade sind.

3. Betrachten Sie beim Vortrag die Körpersignale des Publikums

Wenn Sie Statements einbauen, denen Ihr Gegenüber innerlich zustimmen kann, bringen sie sie meistens auch sichtbar zum Ausdruck. Greifen Sie dazu auf Feststellungen aus der Lebenswirklichkeit Ihres Publikums zurück. Zum Beispiel: „Erinnern Sie sich noch, was die Lehrer bei einer Klassenarbeit angestrichen haben? Die Fehler!“ Sie werden sehen: Alle nicken.

Die meisten Reaktionen auf Ihre Rede sind nonverbal: Wie sitzt Ihr Publikum da? Wie schaut es? Teilnahmslos? Interessiert? Müde? Fasziniert? Gelangweilt? Gebannt? Sinkt das Aufmerksamkeitslevel Ihrer Zuhörer, sollten Sie einen im Schauspiel sogenannten „Registerwechsel“ vornehmen. Sind Sie schnell gewesen, sprechen Sie jetzt langsamer. Waren Sie leise, werden Sie jetzt laut und umgekehrt. Ihre Zuhörer erinnern Sie mit ihren Körpersprache Signalen immer wieder an die zentrale Erkenntnis, dass die Relevanz eines Themas nicht allein ausschlaggebend für die Aufnahmefähigkeit der Zuhörer ist, sondern dass es vor allem auf die Art und Weise ankommt, in der Sie es vermitteln. Sie dürfen auch durchaus nachhaken: Gähnt da jemand? Möglicherweise fehlt einfach Sauerstoff im Raum. Gehen Sie in die Offensive und bitten Sie jemanden, ein Fenster zu öffnen.


Wirkung ohne Worte

Um ein Gespür für dieses nonverbale Geben und Nehmen zu bekommen, gibt es eine gute Übung: Sie brauchen mindestens zwei Personen, besser mehr. Einer steht im wahrsten Sinn des Wortes im Fokus, die anderen sitzen entspannt im Halbkreis drumherum. Die Aufgabe klingt simpel, ist aber anspruchsvoll: Sie besteht darin, das „Publikum“ zwei Minuten anzuschauen, ohne etwas zu sagen. Dabei soll der Akteur präsent wirken und den stummen Vorgang für seine Zuschauer spannend machen. Sobald einer im Publikum davon gelangweilt ist, sich nicht mehr „angeschaut fühlt“ oder glaubt, dass der Blick „durch ihn hindurch geht“ oder „mechanisch wird“, hebt er die Hand. Anschließend teilen die Zuschauer dem Spieler mit, was sie spannend fanden, wann sie gedanklich ausgestiegen sind und warum. Dann kommt jemand anderes in den Fokus. Zwei Minuten sind lang. Es wird sehr schnell deutlich, was tatsächlich im stummen Spiel spannend ist und was nicht. Ein starker gedanklicher innerer Vorgang, die entspannte Atmung, das „Präsent sein“; all das kann sehr gut ohne Leistungsdruck in diesem Training geübt werden. Wenn Sie den Kniff erst mal raushaben, wie sich die Spannung halten lässt, können Sie das auch in Vorträgen gezielt einsetzen.

 

 

Lutz Herkenrath verfügt über mehr als 30 Jahre Bühnen- und Kameraerfahrung. Er wurde mit dem Deutschen Comedypreis und dem Rolf-Mares-Preis ausgezeichnet und mit seiner Rolle als Supermarktleiter Schumann in „Ritas Welt“ wurde er einem großem TV-Publikum bekannt. Als packender Redner beherrscht er die Kunst des überzeugenden Auftritts. Er hält Vorträge zu den Themen Motivation, Kommunikation, Wirkung und Charisma.