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Die verflixte Sache mit den Fehlern

Die verflixte Sache mit den Fehlern
Dank emotionaler Stresskompetenz mit Misserfolgen gelassener umgehen.

Wer Fehler macht oder fürchtet, gerät in Stress. Und wer gestresst ist, erhöht seine Pannenquote. Ein Teufelskreis. Wie sich diese Abwärtsspirale lösen lässt, weiß Michaele Kundermann.

Wenn Menschen im Job Fehler machen oder fürchten, geraten sie in Stress. Wer gestresst arbeitet, erhöht seine Pannenquote. Ein Teufelskreis – der oft zu dauerhafter Anspannung führt. Lösen lässt sich diese Abwärtsspirale durch die Kunst der Selbstberuhigung. Emotionale Stresskompetenz ist dabei der Schlüssel, mit Fehlgriffen entspannter umzugehen und mehr Raum für Kreativität und Innovationskraft zu schaffen.

Fragt man Menschen am Ende ihres Lebens, was sie im Leben bereuen, formulieren sie Sätze wie: Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben und meine Gefühle auszudrücken. Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet. Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten. Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein…

Wer sich intensiver mit diesen Rückblicken beschäftigt, erkennt, dass die meisten Menschen Dinge bereuen, die sie nicht getan haben. Und nicht die, die sie gemacht oder falsch gemacht haben. Der Wunsch nach Mut klingt durch. Mut, Gefühle zu berücksichtigen und authentisch zu sein. Mut, zu machen, wozu das Herz inspiriert. Auch wenn man mitunter scheitert.

Stress ist ein Erfolgskiller

Irrtümer und Fehlgriffe sind in unserer modernen Berufs- und Lebenswelt große Themen. Von Kindesbeinen an werden wir darauf getrimmt, möglichst fehlerfrei zu agieren. Denn Fehler haben Konsequenzen. Schlechte Noten, vergeigte Prüfungen oder verlorene Wettbewerbe tragen eher nicht zur Steigerung des Selbstwertes bei. Das Gleiche gilt für Ausbildung und Job. Pannen und Patzer sind unerwünscht, oft sogar verteufelt. Wen wundert es da, dass der Gedanke an einen Fauxpas für die meisten Menschen eine Bedrohung darstellt? Doch mit dieser Einstellung manövrieren wir uns immer tiefer in die Stressspirale: Was wir innerlich ablehnen, mutiert zur Bedrohung. Wo Menschen emotionale Widerstände entwickeln, wittert der Stress-Modus eine Bedrohung. Er muss es bekämpfen oder fliehen.


Wie entsteht (emotionaler) Stress?
Der urzeitliche Stress-Modus ist dazu gedacht, uns aus einer Lebensbedrohung zu retten. Die möglichen Reaktionen – angreifen, fliehen, erstarren – dienen als Überlebensfeuerwehr. Es fließen Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol, um eine schnelle Reaktion zu ermöglichen: Bedroht uns etwa ein heranfahrender Laster, springen wir reflexartig zur Seite.

Heutzutage fühlen wir uns jedoch eher emotional bedroht. Bei Knicken im Handout, Stau auf der Autobahn oder einem störrischen Beamer befinden wir uns nicht in Lebensgefahr. Doch der Körper reagiert gleich und sendet altbekannte Signale: Flucht, Angriff oder Starre. Keine der drei Varianten löst jedoch das emotionale Problem. Bleibt die Situation ungelöst, produziert der Körper immer mehr Stresshormone und manövriert uns in emotionalen Dauerstress. Dieser hemmt die Leistungsfähigkeit, Kreativität und die Zuversicht leiden, er hält das Gehirn in einer Stress-Schleife. Dadurch sieht er weniger kreative Lösungen, Chancen und Möglichkeiten. Kurz: Stress ist ein Erfolgskiller.


Die Furcht zu versagen oder falsche Entscheidungen zu treffen, blockiert unser Gehirn so sehr, dass es nicht mehr optimal und flexibel funktioniert. Die Angst vor Fehlern und deren Konsequenzen hemmt enorm. Das führt zu innerer Anspannung und eingeschränkter Wahrnehmung. Menschen sind weniger innovativ und agieren weniger lösungsorientiert. Die Fehlerquote erhöht sich. Deshalb verzichten wir häufig darauf, etwas Neues auszuprobieren und greifen auf bekannte Prozesse zurück.

Die Kunst der Selbstberuhigung

Eine Möglichkeit, sich bei emotionalem Stress selbst zu beruhigen: heikle Situationen aus einer anderen Perspektive zu sehen. Weise ist also, wer Schnitzer als notwendigen Teil eines Lernprozesses begreift. Wissenschaftler und Forscher haben diese Denkweise fest integriert. Wenn sie eine Lösung suchen, akzeptieren sie das Scheitern solange, bis es klappt. Nicht gelingende Lösungen sind somit Teil des Erfolgs. Diese Einstellung entspannt enorm. Chefs und Mitarbeiter sollten sich und ihrem Team daher unbeabsichtigte Fehler erlauben und lernen, sie als normal zu betrachten – besonders, wenn neue Prozesse ausprobiert werden. Schwachstellen gehören zum Lernprozess dazu und Unternehmen sollten sie fest einkalkulieren. Frei nach dem Motto: Umwege erhöhen die Ortskenntnis.

Ist das Kind dann in den Brunnen gefallen, muss die Wahrheit raus. Leichter gesagt als getan. Denn viel schwerer als der Fehler selbst, ist es oft, ihn zuzugeben und einen scheinbaren Makel davonzutragen. Wir spüren sozialen Druck, fürchten soziale Ausgrenzung und flüchten uns in Schuldzuweisungen. Die Egostrukturen in uns haben solche Angst vor Fehlern, dass uns Selbsttäuschung durch Verleugnen weniger bedrohlich erscheint. Schuld und Scham sind für uns unerträglich mächtige Gefühle. Oftmals basieren sie auf Kindheitserfahrungen, aber auch auf unserem kollektiven Gedächtnis. In früheren Zeiten war der Ausschluss aus der Gesellschaft für uns Rudeltiere eine der größten Bestrafungen. Verantwortung übernehmen und zur Wahrheit zu stehen, erleichtert. Ein Umfeld, in dem Wahrhaftigkeit anerkannt wird, ist dabei eine Mega-Unterstützung. Respekt verdienen sich die Wahrhaftigen. Verbieger mögen kleine Siege davontragen – aber sie erhalten keinen Respekt.

Die Welt geht nicht unter, wenn Irrtümer passieren

Da viele Menschen ihren Selbstwert über einen Perfektionismus definieren, fällt es ihnen doppelt schwer, Fehlgriffe zuzugeben. Sie winden sich und projizieren sie lieber auf andere. Das Absurde dabei: Die Welt geht nicht unter, wenn Irrtümer passieren und wir sie zugeben. Das ganze gesellschaftliche Leben wäre viel entspannter und wir würden viel Zeit sparen, wenn Menschen ihre Verfehlungen im Sinne von Optimierungen offenlegen würden. Leider fehlt es oft an guten Vorbildern. Politiker und Unternehmen sind häufig wahre Meister im Verleugnen von Fehlentscheidungen. Dabei ist es enorm befreiend, wenn wir einen Schnitzer zugeben und anerkennen können, dass wir in der damals besten Absicht und nach bestem Wissen gehandelt haben. Wer im Job seine Fehlerkultur optimieren will, dem helfen folgende Tipps:

Tipps für einen entspannten Umgang mit Fehlern:

  • Erlaube unbeabsichtigte Missgriffe in deiner Welt. Lerne, Pannen als normal zu betrachten. Kalkuliere sie als Chance für Neues in Lernprozesse ein. Wer Misserfolge vermeiden will, begünstigt sie, weil er sich dabei auf sie fokussiert. Sei lieber an Erkenntnis interessiert als daran, perfekt zu sein.
  • Wenn etwas schief gelaufen ist, sage als erste Reaktion dreimal innerlich zu dir: „Das ist gut“. Das reduziert die erste Stressreaktion. Bekanntlich wurden schon große Erfindungen gemacht, weil ein Missgeschick eine neue Perspektive aufgezeigt hat. Ich habe die eleganten Funktionen des Word-Programms beispielsweise nur dadurch entdeckt, dass ich versehentlich auf falsche Tasten oder Icons gekommen bin.
  • Wenn etwas nicht gelingt, erkenne dich selbst dafür an, dass du etwas Neues ausprobiert hast. Mache dir Komplimente dafür. Niemand hat das bisher so angepackt wie du. Nur über neue Pfade findet sich neues Land.
  • Wenn dich Perfektionismus und Selbstkritik plagen, brich einmal in Jubel aus über deinen Fehler und belohne dich bewusst dafür. Denn nur, wer arbeitet und sich um etwas bemüht, kann Fehler machen.
  • Sprich positiv mit dir selbst und ermutige dich, weiter zu lernen. Entscheide dich, an dich selbst zu glauben.
  • Analysiere die Situation und schreibe auf: Was kann ich aus dem Fehltritt lernen? Fördert dieser Misserfolg etwas in meinem Leben? Was kann ich verbessern? Was weglassen? Was habe ich übersehen? Wie soll ein neuer Start aussehen? …

Verfügt ein Chef nicht über ausreichend emotionale Stresskompetenz, macht sich das im ganzen Team bemerkbar. Umso wichtiger ist es sowohl für Führungskräfte als auch Mitarbeiter, sich selbst beruhigen zu können. Wer diese Tipps in seinen Alltag integriert, sieht Fehlern gelassen entgegen und kann aus Misthaufen Gold machen. Denn er erkennt darin auch Möglichkeiten, hat kreativere Ideen und mehr Spaß im Job.

 

 

Michaele Kundermann, Therapeutin, Coach und Expertin für die Psychologie der Emotionen und emotionalen Kompetenzen, begleitet Unternehmen dabei, die emotionalen Kompetenzen, die Stresskompetenzen ihrer Teams zu fördern. Als Ergänzung hat sie 2018 das Projekt Tag der emotionalen Achtsamkeit ins Leben gerufen sowie das Buch Emotionale Stresskompetenz veröffentlicht.