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Warum gerade jetzt Agilität wichtig ist

Warum gerade jetzt Agilität wichtig ist
Die aktuellen Realitäten verlangen von Unternehmen vor allem eins: eine schnelle Reaktionsfähigkeit.

Zahlreiche Virologen, der Sachverständigenrat, das Robert Koch-Institut: Alle bemühen sich, solide Prognosen für die Zukunft abzugeben. Wie sich unsere Welt nach der Corona-Krise verändern wird, ist allerdings nicht wirklich vorhersagbar. Zu viele Faktoren spielen eine Rolle, zu komplex ist die Situation.

Fakt ist: Nach jeder Krise kommt es zu enormen Umwälzungen, wie beispielsweise 9/11 oder die Finanzkrise gezeigt haben. Ebenfalls klar ist: Krisen bringen immer auch neue Produkte und Dienstleistungen hervor. Nach dem 11. September waren das beispielsweise SUVs. Die waren zwar schon vorher in den USA der Renner, im Rest der Welt führten sie aber ein Nischendasein. Nach dem Terroranschlag wuchs der Wunsch nach mehr Sicherheit. In der Folge hatte nahezu jeder Autohersteller plötzlich einen SUV in fast jeder Modellreihe im Programm. Sogar Kleinwagen wurden „hochgestellt“ und auf sicher getrimmt.

Was ist jetzt zu tun, um möglichst gut durch die Corona-Krise zu kommen? Wir müssen agiler werden, um kreative Innovationen zu erschaffen, die nach der Krise nachgefragt werden. Daher führt jetzt und in Zukunft an Agilität kein Weg vorbei. Denn damit können radikale Veränderungen dynamikrobust gemeistert werden; und in genau dieser Art von Veränderungen stecken wir gerade alle mittendrin. Nur eine davon ist Corona und die Folgen, die der Virus nach sich ziehen wird. Andere sind der Klimawandel, der Brexit oder die sich zuspitzende Lage im nahen Osten. Alles globale Krisen, die unsere Welt auch künftig nicht zur Ruhe kommen lassen werden.

Agilität ist der Impfstoff gegen VUKA

Viele Unternehmen kämpfen mit starkem Konkurrenz- und daher mit Innovationsdruck, zunehmender Dynamik, Komplexität und Ungewissheit vor dem Hintergrund von Globalisierung und Digitalisierung. Kurz: mit den Herausforderungen der modernen VUCA-Arbeitswelt. Übersetzt ins Deutsche wird aus VUCA (= volatile, unpredictable, complex, ambiguous): veränderlich, unsicher, komplex und ambig, also mehrdeutig – vier Eigenschaftswörter, die den modernen Arbeitsalltag treffend beschreiben. Der Kampf gegen Covid-19 kommt aktuell noch dazu und ist ein verdichteter Ausdruck von VUKA.

Die aktuellen Realitäten verlangen von Unternehmen vor allem eins: eine schnelle Reaktionsfähigkeit. Wer es nicht schafft, sich zügig an neue Rahmenbedingungen anzupassen, verliert. Agilität wirkt wie ein Impfstoff gegen die Symptome der VUKA-Welt. Sie stellt sich Silodenken, langen Entscheidungsprozessen und unproduktiver Geschäftigkeit entgegen und schützt mit der daraus entstehenden hohen Anpassungsfähigkeit, Geschwindigkeit, Flexibilität und Innovationskraft vor den VUKA-Folgen. Agilität bietet Schutz vor den Einschlägen aus dem VUKA-Umfeld, macht fit für die Zukunft und sorgt dafür, dass Sie erfolgreich wachsen. Agilität ist ein essenzieller Faktor für die Erschaffung kreativer Innovationen und damit für das Überleben des Unternehmens.

Der Überprüfungs- und Anpassungszyklus

Versuchen Sie nicht, zu planen, was unplanbar, weil unvorhersagbar ist! Wählen Sie stattdessen den einen Schritt aus, der jetzt sinnvoll erscheint. Überprüfen Sie dann, wie zufrieden Sie mit dem Ergebnis sind, was sich an der Vorgehensweise bewährt hat und beibehalten werden soll und was Sie beim nächsten Schritt anders und besser machen wollen.

Ein passendes Beispiel dazu von Laloux: Stellen Sie sich einen Teller Spaghetti vor. Dieser ist hochkomplex! Wenn Sie an einer Nudel ziehen, kann kein Experte und nicht einmal der leistungsfähigste Computer wissen, was dann passiert. Wenn Sie den Pastaknoten auf Ihrem Teller entwirren wollten, würden Sie ihn sich wahrscheinlich erst einmal genau anschauen und dann vorsichtig an der Spaghetti ziehen, die am vielversprechendsten erscheint. Welche tatsächlich die richtige ist, können Sie nicht wissen, niemand kann das vorhersagen! Es bleibt Ihnen nur, ein Experiment zu starten, bei dem Sie genau beobachten, was passiert: Wenn die Nudel nachgibt, ziehen Sie weiter, wenn nicht, dann schauen Sie sich den Nudelberg von allen Seiten an und wählen eine andere Spaghetti, mit der Sie genauso verfahren. Schritt für Schritt!

Diese empirische Prozesssteuerung ist eine bewährte agile Reaktion auf Komplexität, denn auch in Organisationen kann niemand wissen, was genau geschehen wird, wenn Sie mit einer Veränderung beginnen. Starten Sie deshalb mit einer Veränderung, sammeln Sie dabei Daten und Erfahrungen, um die Arbeit und das Ergebnis in der Folge schrittweise zu verbessern. Dann wird sich die Verwirrung nach und nach lösen. Nicht nur in Scrum-Teams ist deshalb das Prinzip „Inspect & Adapt“ (überprüfen und anpassen) so wichtig. Es ist die einzige Vorgehensweise, die unter komplexen Bedingungen greift!

Studien bestätigen die Wirksamkeit der Agilität

Nicht von ungefähr wurde agiles Arbeiten zuerst (und leider noch immer vorwiegend) von ITlern angewendet. Diese sind es gewohnt, hochkomplexe Zusammenhänge zu durchdenken, in eine möglichst einfache Anwendung zu übersetzen und dabei Millionen von Programmzeilen sinnig aneinanderzureihen. Und das, ohne dass sie dabei auf Wissen zur Lösung der Anforderungen bzw. zur Erstellung ihres Produktes zurückgreifen könnten. Denn ITler erschaffen eine Innovation nach der anderen. Neuheiten, die es noch nie gab und für die sie sich noch nie dagewesene Lösungen ausdenken müssen.

Das schafft man am besten, wenn man sich die Vorteile agilen Arbeitens zunutze macht:

  • kurztaktige Anpassungen von Produkten und Dienstleistungen an sich schnell verändernde Kundenbedürfnisse
  • Konzentration auf die Arbeitsaufgaben mit dem höchsten Kundennutzen
  • frühe Ablieferung von Zwischenergebnissen
  • Erkennen von Fehlern schon dann, wenn sie sich anbahnen
  • höhere Leistungen in einem crossfunktionalen Team, das ganz unterschiedliches Expertenwissen und sich gegenseitig ergänzende Stärken kombiniert und nur deshalb gemeinsam neue Lösungen findet, die einem Einzelnen so nicht einfallen könnten
  • zyklisches Überprüfen der Arbeitsleistung auf Effizienz in kurzen Zeitabständen
  • Ableiten von ständigen Verbesserungen auf Basis von regelmäßigem Feedback aus dem Markt

Bei hoher Dynamik, Komplexität und unsicherer, nicht vorhersehbarer Zukunft greifen herkömmliche Strategien einfach zu kurz. Insbesondere dort, wo es Märkte und Marktreaktionen, die man analysieren könnte, noch gar nicht gibt, weil diese erst geschaffen werden sollen.

Agilität setzt Potenziale frei

… in Unternehmen
Aktuelle Studien bestätigen die Wirksamkeit der Agilität. Laut dem „Agile Performer Index“ der Strategieberatung goetzpartners und der NEOMA Business School haben Unternehmen umso größeren wirtschaftlichen Erfolg, je agiler sie sind – sie sind durchschnittlich 2,7-mal erfolgreicher als die Konkurrenz mit starren Strukturen. Und agile Projekte haben eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, erfolgreich abgeschlossen zu werden, als Projekte, die mit der herkömmlichen Wasserfallmethodik bearbeitet werden: Die mit klassischen Projektmanagementmethoden bearbeiteten Projekte werden nur in 14 Prozent der Fälle erfolgreich abgeschlossen, agile Projekte mit 42 Prozent Wahrscheinlichkeit dreimal häufiger. 29 Prozent der klassischen Projekte scheitern, agile Projekte nur zu neun Prozent. Auch die Studie „Status Quo Agile“ mit Teilnehmern aus über 30 Ländern ergab eine verbesserte Leistungsfähigkeit agiler Methoden gegenüber klassischem Projektmanagement. Dabei wurde übrigens Scrum als besonders erfolgreich bewertet, was mir als erklärtem Scrum-Fan und zertifiziertem Scrum Master Wasser auf die Mühlen gießt.

… in den Mitarbeitern
Mit „verdingten“ Arbeitskräften, die während der Arbeit den Kopf sozusagen ausschalten können, Dienst nach Vorschrift leisten und einfach nur Vorgaben abarbeiten, ohne eigenen „Hirnschmalz“ einzubringen, ist heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Denn in unseren Zeiten, in denen Produkte und Dienstleistungen immer vergleichbarer werden, ist das Zünglein an der Waage, das über Erfolg oder Misserfolg am Markt entscheidet, der Grad an Motivation, Engagement, Kreativität und Innovationskraft der Mitarbeiter.

Nur Mitarbeiter, die mit Leib und Seele bei der Sache sind, bringen sich voll und ganz ein! Die herkömmlichen Quellen, aus denen Mehrwert geschöpft werden konnte, werden mittlerweile von allen Unternehmen genutzt und führen deshalb nicht länger zu einem Wettbewerbsvorteil. Als einzige noch nicht vollständig ausgeschöpfte Quelle bleibt also die Entwicklung der in arbeitenden Menschen bisher nicht abgefragten innovativen und kreativen Potenziale.

Und Agilität zielt erfolgreich auf die Freisetzung, ja Entfesselung menschlicher Potenziale und bietet den Nährboden, auf dem sich die künftig noch stärker gebrauchten Fähigkeiten entfalten und entwickeln können.

Starten Sie also am besten noch heute und werden Sie agil! Fragen Sie sich: Was könnte Ihr innovatives Produkt werden, dass so erfolgreich wird wie der SUV – und legen Sie los. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und drücke beide Daumen!

 

Katharina Maehrlein, Beraterin, Certified Scrum Master und Agile Culture Coach, ist Expertin für die Themen Resilienz, Achtsamkeit und Agilität, zu denen sie mehrere erfolgreiche Bücher geschrieben hat. In den letzten 21 Jahren hat sie als Coach und Beraterin über 30.000 Führungskräfte aus Unternehmen vom Mittelstand bis zum Großkonzern dabei unterstützt, den täglichen Druck zu meistern und dabei ihre Mitarbeiter so zu führen, dass sie motiviert und leistungsfähig bleiben. In ihrem neuen Buch Wie Agilität gelingt erklärt sie, wie das gelingt.