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So klappt’s mit dem Nachwuchs

So klappt’s mit dem Nachwuchs
Für die Arbeitswelt wäre es eine Revolution, wenn Menschen unterschiedlicher Lebensrealitäten an einen Tisch kommen.

Egoistisch, karrieregeil, unpolitisch, lauten die Vorurteile, die sich junge Leute immer wieder anhören müssen. Schluss damit“, fordert die junge Journalistin und Aktivistin Madeleine Hofmann – und räumt mit den Klischees auf.

„Fachkräftemangel“ und „demografischer Wandel“ sind für die Arbeitswelt die Unwörter des Jahrzehnts. Beides erschwert Unternehmen die Suche nach Nachwuchs, beides sorgt für Druck. Gerade junge Beschäftigte sollten es daher jetzt gut haben. In vielen Branchen locken Unternehmen deshalb auch mit Dienstwagen, Betriebskita, Kicker im Pausenraum und Sabbaticals. Das finden wir auch ganz toll. Noch entscheidender ist für die meisten von uns jedoch die Arbeitskultur – und die lässt in vielen Unternehmen zu wünschen übrig. Die Folgen: verschiedene Vorstellungen der Generationen von Karriere und Führung prallen aufeinander, die Ideen der Jungen sind oft unerwünscht, die Probleme verschärfen sich.

2016 betrug das Durchschnittsalter von Führungskräften in Deutschland 51,8 Jahre. Steht die Babyboomer-Generation von ihren Chefsesseln auf und spaziert in Rente, hinterlässt sie eine große Lücke – umrandet von veralteten Arbeitsstrukturen, die kaum auf die Zukunft vorbereitet sind. Dennoch scheitern Unternehmen daran, den Nachwuchs in Stellung zu bringen, jüngere Mitarbeiter in wichtige Entscheidungsprozesse einzubeziehen und ihnen verantwortungsvolle Aufgaben zu übertragen.

Viele meiner Freunde bekommen von ihren Arbeitgebern das Feedback, sie wollten „zu schnell aufsteigen“. Dabei geht es den meisten gar nicht um Titel und Positionen. Sie wollen nicht sofort Chef sein, sondern vielmehr ein Thema, das ihnen wichtig ist, voranbringen. Sie wünschen sich inhaltliche Mitgestaltung, sinnstiftende Arbeit, und dass ihre Ideen ernst genommen werden. Viele Vorgesetzte können das oft nicht nachvollziehen und kontern mit Showstopper-Argumenten: „Du bist doch noch gar nicht lange hier“, „Du bist noch so jung“, „Sei nicht so ungeduldig, Deine Zeit kommt noch“.

Jobbremse Initiative und Leidenschaft?

Dabei ist der Wunsch nach Partizipation gar keine Spezialität der Jugend: Der Gallup Engagement Index zeigt, dass die Möglichkeit, das tun zu können, was man richtig gut kann, auf Platz drei der Erwartungen von Mitarbeitern an ihr Unternehmen steht. Das Problem: Viele Führungskräfte wissen nicht einmal, was sich ihre Mitarbeiter wünschen, denn sie meiden das Gespräch oder führen mit einer Top-down-Strategie – höchst hierarchisch, mit Anweisungen statt konstruktiven Gesprächen. Ein Interesse daran, das Potenzial der Mitarbeiter zu nutzen und ihre Karrierevorstellungen mit ihnen zu besprechen, besteht oft nicht. Wie in jeder Beziehung führt ein solches Verhalten zu Frust. Staut der sich an, ist das Ergebnis die innerliche bzw. reale Kündigung.

Manche Unternehmen haben die Dringlichkeit der Veränderung erkannt und verpassen sich selbst eine Start-up-Kur: Sie gründen sogenannte Innovation Labs – an den Konzern angegliederte Ideenlabore mit Designermöbeln, gratis Club Mate und ohne Krawattenpflicht –, in denen sich „die Jungen“ austoben dürfen. Ein Kicker im Pausenraum jedoch macht noch keine (offene) Unternehmenskultur. Es kann von New Work keine Rede sein, wenn Mitarbeiter nach kreativen Projektphasen wieder durch den Bürokratiedschungel des Konzerns müssen. Wenn sie am Ende darauf hoffen müssen, dass ihre Chefs nicht nach Wochen des Abwägens ihre Projekt als zu teuer, zu gewagt, zu unkonventionell ablehnen. Wenn jede Ankündigung eines Home-Office-Tages Stirnrunzeln bei Vorgesetzten auslöst – das Abweichen von Nine-to-five also nur theoretisch möglich ist. Wenn es an der notwendigen modernen Geisteshaltung fehlt, wie können sich etablierte Unternehmen eine solche zu eigen machen?

Die Antwort lautet Durchmischung. Statt alte Kumpel-Netzwerke zu pflegen und wichtige Posten mit den immer wieder selben – meist alten, männlichen – Gleichgesinnten zu besetzen, müssen verkrustete Strukturen aufgebrochen, Gremien und Teams durchmischt, auch junge Mitarbeiter auf Expertenpanels oder zu großen Konferenzen geschickt werden. Für die Wirtschaft wäre es eine große Bereicherung, wenn Menschen unterschiedlicher Lebensrealitäten an einen Tisch kommen. Für die Arbeitswelt wäre es eine Revolution.

 

Madeleine Hofmann

 

Madeleine Hofmann, Jahrgang 1987, arbeitet als freie Journalistin u.a. für das ZDF Morgenmagazin und das Wirtschaftsmagazin Capital. Für ihr Online-Generationenmagazin Knowing (wh)Y wurde sie ausgezeichnet. Ihr erstes Buch Macht Platz! zum Thema Generationengerechtigkeit ist jüngst im Campus Verlag erschienen.