» » Jeder sollte Teilzeit arbeiten!

Jeder sollte Teilzeit arbeiten!

Jeder sollte Teilzeit arbeiten!
Das Modell „Vollzeit plus Überstunden und ständige Erreichbarkeit“ ist genauso überholt wie der „8-Stunden-Tag.

Teilzeit liegt im Trend und das nicht ohne Grund: Schon ab fünf Prozent Reduzierung greift ein Hebel, der aus fünf erstaunliche 25 Prozent Freizeitgewinn macht! Wie das funktioniert, weiß Axel Mengewein.

Bereits bei einer fünfprozentigen Teilzeitvereinbarung mit Ihrem Arbeitgeber gewinnen Sie 25 Prozent mehr Freizeit. Ein Grund für diesen Freizeiteffekt ist, dass Sie selbst und die Personalabteilung vermehrt auf die reduzierten Dienstzeiten achten und deshalb keine unbezahlten Überstunden mehr leisten. Die „Arbeitsplatzerhaltungsenergie“ reduziert sich, sobald Sie sich quasi gesund geschrumpft haben. Das ist die Zeit und Energie, die Sie beispielsweise für die Fahrten ins Büro benötigen. Und auch wenn fünf Prozent weniger zu arbeiten erst mal nur zwei Stunden pro Woche bedeuten, rechnerisch ergeben diese zwei Stunden elf zusätzliche freie Tage im Jahr. Zu beachten ist dabei, dass sich die Anzahl der Urlaubstage anteilig reduziert.

Bereits ab zehn Prozent Teilzeit können Pendler, die jeden Tag weite Strecken fahren, mehr im Geldbeutel haben. Dabei schlagen nicht nur die geringeren Fahrtkosten positiv zu Buche, sondern vor allem auch die ersparte Zeit. Wichtig ist hier, dass Sie die freien Stunden zu Tagen und Wochen bündeln, damit Sie insgesamt weniger Tage hin- und herfahren müssen. Wer lediglich freitags früher geht, wird diesen Effekt nicht spüren.

20 Prozent Teilzeit bedeuten 15 Arbeitstage im Monat

Ich habe verschiedene Varianten getestet. Besonders gefällt mir das Modell „3-Wochen-Arbeiten-1-Woche-frei“, was einer Reduktion auf 80 Prozent meiner Wochenarbeitsstunden entspricht. Damit habe ich jeden Monat eine Woche frei, plus vier bis fünf Wochen Urlaub im Jahr! Packen Sie dabei den Urlaub an die Freiwochen dran, entspannt sich Ihr Leben enorm. Bei 20 Prozent Teilzeit arbeiten Sie so nur noch an 15 Tagen im Monat, was sich wie „halbe Arbeit“ anfühlt, bei satten 80 Prozent Gehalt.

Auf die mir meist gestellte Frage, wie viel ich in Teilzeit weniger verdiene, antworte ich immer: „Brutto mehr, netto weniger.“ Dabei sind bei Teilzeitformen bis 20 Prozent die finanziellen Abstriche netto geringer als vermutet. Ausschlaggebend sind hier Ursachen wie beispielsweise die Steuerprogression. Haben Sie zum Beispiel einen Bruttolohn von circa 3.000 Euro im Monat, entsprechen fünf Prozent Teilzeit 150 Euro brutto und 79 Euro netto weniger im Monat. Mit etwas Achtsamkeit bei Ihren Ausgaben werden Sie das kaum merken. Ihr Gewinn an Zeit ist jedoch unbezahlbar!

Berufung finden, Talente fördern, Wünsche erfüllen

Meine Erfahrung zeigt, dass in vielen Menschen Talente schlummern, die geweckt werden wollen. Was dafür fehlt, ist in der Regel die Zeit. So sind 50 Prozent Teilzeit beispielsweise ein bewährtes Modell, um sich aus der Teilzeit heraus selbstständig zu machen. Wichtig: Bei der Gründung einer Selbständigkeit in Teilzeit müssen Sie eine Nebentätigkeitsgenehmigung im Hauptjob beantragen! Ich habe in meiner „Halbe Arbeit – ganzes Leben“-Phase die Welt umrundet, den schwarzen Gürtel in Taekwondo gemeistert, bin einen Marathon gelaufen und habe das Buch geschrieben.

Und während Vorgesetzte früher eher zurückhaltend bei der Genehmigung von Teilzeitanträgen waren, hat sich das mittlerweile erheblich verbessert. Einerseits herrscht hierzulande fast Vollbeschäftigung, andererseits wissen Personalverantwortliche, dass Teilzeitarbeitende produktiver, besser organisiert, motivierter und gesünder sind. Sie sind weniger krank und so für jede Firma ein Gewinn. Aufgrund des Fachkräftemangels sind Personalabteilungen inzwischen sehr bemüht, flexible Teilzeit- und Arbeitszeitmodelle anzubieten, um ihre Mitarbeiter zu halten und neue anzuwerben. Ferner ist ein „Nein“ zum Teilzeitantrag mit der Brückenteilzeit künftig fast unmöglich.

Brückenteilzeit – Teilzeit ohne Falle

Um wieder zurück in Vollzeit zu können, mussten Mitarbeiter bislang beim Teilzeitantrag vereinbaren, dass ihre Teilzeitphase zeitlich befristet ist. Wer dies nicht vorab klärte, steckte in der Teilzeitfalle. Mit der neuen Brückenteilzeit ist die Rückkehr jetzt risikofrei möglich. Die Voraussetzungen dafür sind eine sechsmonatige Firmenzugehörigkeit und mindestens 45 Mitarbeiter – die Zahl der Teilzeitarbeiter ist erst bei 200 Mitarbeitern unbegrenzt möglich. Die Dauer der Brückenteilzeit beträgt dabei ein bis fünf Jahre.

Vorsicht ist beim Teilzeittrojaner geboten: den gleichen Job in weniger Zeit und für weniger Gehalt zu erledigen. Um das zu vermeiden, sollten Sie mit allen Beteiligten sprechen sowie die neue Aufgabenverteilung schriftlich festhalten. So vermeiden Sie Missverständnisse gleich zu Beginn. Welches Modell zu wem passt, muss jeder individuell für sich herausfinden. Klar ist, dass das Modell „Vollzeit plus Überstunden und ständige Erreichbarkeit“ genauso überholt ist wie der „8-Stunden-Tag“.

 

 

Axel Mengewein, seit 20 Jahren Redakteur im ZDF, lebt, worüber er schreibt. Er hat unterschiedliche Teilzeitformen ausprobiert und liebt seine Teilzeit. Sein Buch Halbe Arbeit – ganzes Leben. Arbeite so wenig, wie du willst. Das Teilzeit-Manifest ist im Ariston Verlag erschienen. Umfangreiche Informationen zur neuen Brückenteilzeit, Meldungen und Urteile liefert der Autor in seinem Teilzeitblog.