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Die Mittelschicht unter Druck

Die Mittelschicht unter Druck
Es gibt immer mehr Menschen, deren Einkommen nicht zum Leben reicht.

Das Prekariat beginnt heute in der Mittelschicht. Immer mehr Menschen in angesehen Berufen kämpfen mit begründeter Existenzangst. Das ist ein gefährlicher Trend: Selbst gut Qualifizierte fühlen sich abgehängt. Unsere Gesellschaft gerät unter Druck.

Was ist, wenn wir von unserer Arbeit nicht mehr leben können? Dieser Frage mussten sich lange Zeit nur die unteren Schichten der Gesellschaft stellen. Heute trifft das gesellschaftliche Diktum, Arbeitskraft müsse möglichst billig zu haben sein, auch viele andere. Die Mittelschicht ins angezählt. Höchste Zeit, über den Stellenwert von Arbeit zu reden, findet Anette Dowideit. Denn das gesamte Wertesystem der Arbeit ist bedenklich abgesackt und wir müssen viel tun, um es wieder aufzurichten, ist die Autorin überzeugt.

Dowideit leuchtet in verschiedene Branchen und Berufe hinein, spricht mit fest oder befristet Angestellten, Projektarbeitern, Freiberuflern und Multijobbern über ihre Arbeitsbedingungen und befragt Experten. Dabei macht sie haarsträubende Entdeckungen. Dass Lieferdienste und Billigfluggesellschaften unfaire Jobs anbieten, ist seit einiger Zeit bekannt, aber dass auch Lehrer, Polizisten, Krankenschwestern und sogar Ärzte in unsicheren und schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen stecken, ist vielen bisher nicht klar.

Konsumenten tragen Mitschuld

Der Wert, den unsere Gesellschaft der Arbeit zumisst, sinkt – auch bei klassischen Mittelschichtsberufen. Doch der Status Quo kommt nicht von irgendwo. Wir Konsumenten tragen Mitschuld daran. Die verbreitete Einstellung „das geht doch noch billiger“ fördert das Lohndumping und die Gig Economy, in der sich Soloselbstständige von Job zu Job hangeln und dazwischen ein sozial ungesichertes Leben führen.

Die Politik, so die Autorin, trägt nicht dazu bei, dass sich die Lage verbessert, sondern feiert das „deutsche Jobwunder“: 2,2 Millionen Arbeitslose im April 2019, so wenige wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Doch die Zahlen spiegeln die Realität nicht wider. Das Bruttoinlandsprodukt steigt, die Reallöhne nicht. Der Einzelne kann sich bei gleicher Arbeit weniger leisten, Wohnen wird zur sozialen Frage, eine Gesellschaft aus Einzelkämpfern gerät unter Druck.

Beim Thema Arbeit sitzen alle in einen Boot

Dabei könnte auf Zukunft eingestellte und fair bezahlte Arbeit der Schlüssel für viele aktuelle Herausforderungen sein – ob Klimawandel oder gesellschaftliches Miteinander. Anette Dowideit hat richtungsweisende Vorschläge für die Politik und öffnet uns die Augen dafür, dass wir auch beim Thema Arbeit letztlich alle in einen Boot sitzen.

 

 

Die Angezählten
Wenn wir von unserer Arbeit nicht mehr leben können
von Anette Dowideit
Campus Verlag (1. Auflage, August 2019)
18,95 Euro (D)
ISBN 978-3-593-51081-1