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Karriere machen, Familie gründen – als Paar scheitern?

Karriere machen, Familie gründen – als Paar scheitern?
Eine starke und erfüllte Partnerschaft trotz Arbeit und Kind aufrecht zu erhalten ist für viele Paare eine große Herausforderung.

Die Arbeit ruft, das Kind schreit, die Zeit drängt. Im Alltag der meisten Eltern kommt das „Paar sein“ zu kurz. Wie es anders geht, weiß der Business Coach und Paarberater Sascha Schmidt.

Mit der Geburt des ersten Kindes beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Und es wird eine neue Lebenswelt eröffnet: das Familienleben. Alles, was vorher das Paarleben ausgemacht hat, wie essen gehen, Freunde treffen oder spontane Kurzurlaube, hat jetzt Pause. Im Mittelpunkt steht die Liebe zum und die gemeinsame Verantwortung für das Baby.

Während ein Elternteil – häufig die Mutter – verstärkt für das Baby, Kleinkind oder Kind da ist, kümmert sich der andere Part – häufig der Vater – um die finanzielle Sicherheit der Familie. Sein Leben findet weniger im Kreis der Familie statt, sondern in Bürotürmen, in Konferenzräumen oder auf Baustellen, also jenseits der Familie.

Vor dem Kind war der Job Bestandteil von Gesprächen zwischen Ihnen: Man hat sich gegenseitig unterstützt, zugehört und beraten. Die Karriere kostete Kraft, die Partnerschaft war die Tankstelle für das gemeinsame Auftanken. Aber plötzlich ist die Zapfsäule besetzt. Ihr Kind bekommt die lebensnotwendige Liebe und Aufmerksamkeit, Ihr Partner steht hinten an.

Anzeichen der Paarkrise

Eine Folge ist, dass jeder sich in seine Welt zurückzieht. Sie geht ganz im Muttersein auf; er sieht seine Berufung in der Karriere, damit die Familie finanziell gesichert wird. Aus Paarspielern werden Einzelkämpfer mit wachsendem Unverständnis für die jeweiligen Lebenswelten des anderen.

Sprachlosigkeit und Vorwürfe sind die ersten Anzeichen einer Krise. Er erzählt nicht mehr vom Job; sie erwartet mehr Anteilnahme an ihrem Alltagsleben mit dem Kind. Denn dieses Leben besteht nicht nur aus glücklichen Momenten, sondern auch aus viel Frustration, durchwachten Nächten, Krankheiten und Zweifeln, weil anderen Müttern alles zu gelingen scheint. Das alles rüttelt am Nervengerüst.

Da muss nur noch die Frage kommen, „Was hast du eigentlich den ganzen Tag gemacht?“ – und das Fass läuft über. Entweder explodiert der betreffende Elternteil und es gibt offenen Beziehungsstress, oder er implodiert, das heißt, er oder sie schluckt den Ärger hinunter und zieht sich zurück.

Zusammenstoß von zwei Lebenswelten

In beiden Fällen ist der arbeitende Partner genervt. Aus seiner Sicht kommt er nach Hause und ist erschöpft vom Job. Jetzt wäre es schön, freudestrahlend begrüßt zu werden; am besten ist auch schon eingekauft und das Abendessen steht auf dem Tisch. Stattdessen ist die Küche nicht aufgeräumt, das Kind schreit, und die Mutter – wahlweise der Vater – sieht aus, als ob sie (oder er) dringend eine Pause bräuchte. Da fühlt man sich nicht willkommen.

Falls Sie jetzt denken, das ist nun wirklich zu banal, muss ich Ihnen sagen: Leider nein. Diesen Zusammenstoß von zwei Lebenswelten erlebe ich immer wieder in meinen Beratungsgesprächen. Natürlich in den individuellsten Varianten, das obige Szenario ist nur eines von vielen. Doch allen liegt eine Struktur zugrunde: Sie oder er sieht und versteht mich nicht mehr!


Wie Sie schleichende Entfremdung als Paar verhindern:
• Machen Sie sich bewusst: Die ersten 24 Monate braucht Ihr Kind Sie. Sie sind gemeinsam Eltern. Die Frau-Mann-Beziehung macht eine Durststrecke durch. Das ist normal.

• Spätestens nach 24 Monaten sollten Sie wieder verstärkt in die Paarbeziehung investieren. Nehmen Sie Anteil an den Lebenswelten Ihres Partners. Was beschäftigt Sie im Job und was bezogen auf die Familie?

• Richten Sie einmal pro Woche feste Zeiten ein,wo Sie nur mit Ihrem Partner alleine sind und sich in Ruhe unterhalten können. Es geht darum, dass Sie sich wieder hundertprozentige Aufmerksamkeit schenken. Das ist Ihre Tankstelle für alle Herausforderungen in der Familie und im Job.


Wieso sind wir in der Beziehung? Weil unser Partner uns das Gefühl gibt, wertvoll zu sein. Und wir wollen uns wertvoll fühlen. Das ist eine der Triebfedern in jeder menschlichen Beziehung – egal ob als Liebespaar oder im Kreis unserer Kollegen. Wir suchen und wünschen uns Anerkennung, Liebe und Wertschätzung, die einen mehr als die anderen. Das hängt davon ab, wie viel wir selbst als Kind von unseren Eltern bekommen haben.

Ursachen der Paarkrise

Mit dem Kind gibt es jetzt Konkurrenz um die Wertschätzung. Der Mann und Vater rutscht bei seiner Frau auf den zweiten Platz ab. Das ist normal und zu verkraften, wenn er denn wieder eine Chance bekommt, auf Platz eins zurückzukehren. Im besten Falle nach 24 Monaten, also dann, wenn das Baby zum Kleinkind wird und nicht mehr hundertprozentig von seiner Bindungsperson – meist der Mutter – abhängig ist.

Die Frau und Mutter bekommt unmittelbar die unbedingte Liebe des Kindes zu spüren: durch die Geburt, beim Stillen, durch den Körperkontakt und durch den Mutterinstinkt. Hier ist jetzt jemand ganz anderes wichtig. Und das Baby braucht sie: „Ich bin wertvoll für das Kind, und das Kind ist wertvoll für mich“ – eine perfekte Beziehung.

Fühlt sich die Frau nicht gesehen in ihrem täglichen Einsatz für das Kind, den Haushalt und den eventuellen zusätzlichen Teilzeit- oder Vollzeitjob, dann ist eine oft gewählte Variante, sich die Wertschätzung und Zuneigung von dem Kind zu holen. Das Kind als Ersatzpartner ist allerdings für niemanden eine gute Lösung.

Eine absehbare Durststrecke ist für jede Frau-Mann-Beziehung auszuhalten

Bekommt der Mann keine Wertschätzung und keine Zuneigung mehr von seiner Frau, wird er sich diesen fehlenden Part woanders suchen. Wertschätzung verknüpfen viele Männer mit beruflichem Erfolg und Anerkennung vom Chef, von den Kollegen und Kunden. Logisch, dass er in diese Welt eintauchen wird. Wenn zusätzlich eine sympathische und kinderlose Kollegin ihm signalisiert, dass er als Mann attraktiv ist, besteht die Gefahr, sich Zuneigung übergangsweise auch noch woanders zu suchen.

Diese Entwicklungen sind nicht zwangsläufig. Sie können eintreten, müssen aber nicht. Wieso passieren sie? Wenn man den Übergang verpasst, wo es Sinn ergibt und beziehungsnotwendig wird, wieder mehr Paar zu sein. Eine absehbare Durststrecke ist für jede Frau-Mann-Beziehung auszuhalten. Das war eventuell vor den Kindern schon der Fall, zum Beispiel bei beruflich bedingten Fernbeziehungen.

Doch genauso wie endlose Fernbeziehungen in die Brüche gehen, da sie oder er vor Ort jemand Neues kennengelernt hat, besteht diese Gefahr auch für Paare, die aus der Mutter- oder Ernährerrolle nicht mehr herauskommen. Familien- und Jobleben sollten nicht getrennt werden. Nehmen Sie Anteil an den Lebenswelten des Partners und integrieren Sie Ihren Partner in Ihre Lebenswelt.

 
Sascha Schmidt ist Business Coach (Karriere & Familie) und Paarberater.

 

Sascha Schmidt ist Business Coach (Karriere & Familie) und Paarberater. Im humboldt Verlag ist gerade sein neues Buch Wieder Paar sein! Erfüllte Zweisamkeit trotz Arbeit und Kind erschienen. Der Text ist ein Auszug aus dem Buch.