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Es wird Zeit für mehr Gelassenheit

Es wird Zeit für mehr Gelassenheit
Mit der Fähigkeit zur mentalen Selbstregulation durch Introvision verfügt man über ein wertvolles Werkzeug, um Herausforderungen souverän zu begegnen.

Ständiger Termindruck, ein schlechtes Arbeitsklima und emotionaler Stress sind die stärksten Belastungen im Arbeitsalltag. Wie schön wäre es, in solchen Situationen gelassener zu sein. Wie das geht, wissen Dr. Angela Rohde und Petra Spille.

Kaum eine Abhandlung zu Techniken für Projektmanagement, Führungsfragen oder Change Management kommt heute ohne einen Verweis auf die sich stark verändernde Arbeitswelt und ihre Herausforderungen für Menschen, Gruppen und komplexe Systeme aus. Zahlreiche Studien untersuchen, wie es um die Menschen in der Arbeitswelt steht, mit teilweise erschreckenden Ergebnissen. Das setzt nicht nur das Gesundheitssystem unter Druck, sondern stellt auch Personalverantwortliche und Führungskräfte in Unternehmen vor besondere Aufgaben.

Ein Weg für eine mögliche Antwort wurde vor 40 Jahren in der pädagogischen Psychologie an der Universität Hamburg beschritten. Ausgehend von der Frage, wie innere Konflikte entstehen und wie man sie lösen kann, wurde die Methode Introvision (Innenschau) von Prof. Angelika C. Wagner entwickelt. Mit einem umfassenden theoretischen Grundlagenwerk und zugleich praktischen Ansätzen zur Anwendung ist die Introvision wissenschaftlich erforscht und in ihrer Wirksamkeit in vielen Bereichen eindrucksvoll belegt.

Was leistet die Introvisionsberatung?

Ständiger Termindruck, ein schlechtes Arbeitsklima und emotionaler Stress sind die stärksten Belastungen im Arbeitsalltag. Viele lernen in Fortbildungen verschiedene Methoden und Werkzeuge kennen, doch im akuten Konflikt sind diese häufig nicht abrufbar. Zur kurzfristigen Bewältigung werden allerhand Bemühungen angestellt: der Konflikt verdrängt, heruntergespielt, ein Vorhaben aufgegeben. Diese Konfliktumgehungsstrategien können kurzfristig hilfreich sein. Doch wenn sich bestimmte unangenehme Situationen wiederholen, steigt der Grad der inneren Anspannung zusätzlich. Dann „blockieren wir den Weg in die Lösung und drehen uns in das Konfliktpotential hinein“, so Telse Iwers 2015 in einem Vortrag auf der GiBet Fachtagung in Hamburg.

Hilfreiche Strategien von hinderlichen Glaubenssätzen unterscheiden zu lernen ist eine Ressource, die man durch Introvision wieder entdecken kann. Das geschieht durch einen im Prinzip verblüffend einfachen Ansatz: die Veränderung der Wahrnehmung. Situationen und Personen so wahrzunehmen wie sie sind, in einer konstatierenden Haltung, innehalten, dem Schlimmen ins Auge sehen anstatt es zu verdrängen, das nimmt der Situation den Schrecken und bereitet den Weg für lösungsorientiertes Verhalten. Benötigt werden dafür Mut, Veränderungswillen und eine selbstkritische Haltung, der Wunsch, den Blick auch auf sich selbst zu richten, um klarer zu sehen.

Ablenkungen reduzieren und Konzentration fördern

Um das zu lernen, gibt es verschiedene Angebote: Individualcoachings bei zertifizierten Introvisionsberater/innen, Einführungskurse für Selbstanwender/innen sowie berufsbegleitende Qualifizierungskurse zum Introvisionsberater für beratende Berufe zum Einsatz im Praxisfeld. Dafür werden zunächst verschiedene Wahrnehmungsübungen angeleitet, um das „Konstatierende Aufmerksame Wahrnehmen“ (kurz: KAW) zu lernen. In den verschiedenen Sinnesmodi lernen die Kursteilnehmer/innen zunächst wertfrei, mit weitgestellter Wahrnehmung, konstatierend auf einen Gegenstand zu schauen, einem Geräusch zu lauschen oder zu einer Körperempfindung hinzuspüren. Schweifende Gedanken werden bewusster wahrgenommen und die Aufmerksamkeit wird gezielt auf den ausgewählten Bewusstseinsinhalt zurückgelenkt. Das reduziert Ablenkungen und fördert die Konzentration.

Im Anschluss wird KAW auf gedanklicher Ebene geübt. Wer sich für neurologische Hintergründe zu Achtsamkeitsübungen wie das KAW interessiert, sollte sich „Meditation für Skeptiker“ von Ulrich Ott anschauen. Durch den Einbau von KAW in den Alltag werden Inseln der Aufmerksamkeit und Ruhe erzeugt, kreative Prozesse angestoßen und die Möglichkeit zur Reflexion angeregt.

In die Tiefe gehen: dem Schlimmen ins Gesicht schauen

Schon das Erlernen des KAW kann zu nachhaltig positiven Effekten im Alltag führen. Mit der Veränderung unserer Art, Dinge zu sehen, zu hören, zu fühlen, verändert sich unsere Haltung, unsere Sicht der Dinge. Es wird zunehmend weniger bewertet, der Blick dadurch geweitet. So lässt die Anspannung zu Gunsten einer gelasseneren Haltung nach.

Wer einem Problem auf den Grund gehen will, wendet Introvision in Eigenregie an oder kommt in die Introvisionsberatung. Durch eine spezielle Fragetechnik werden Coachees gezielt durch die eigene Anreihung von Glaubenssätzen, sog. Subjektive Imperative („Erfolg kommt von Fleiß!“) und Sollvorstellungen („Ich muss ein guter Chef sein!“), geführt. So gelingt es, Schicht für Schicht abzutragen, um auf den Kern dessen zu stoßen, was das eigentlich Schlimme wäre, wenn diese Vorstellungen zuträfen. Oftmals sind mehrere Imperative verwoben und ein konstatierender Blick darauf hilft, diese zu sortieren. Der im Rahmen einer Beratungssitzung beispielsweise entdeckte Kernimperativ: „Ich habe Angst, meinen Job zu verlieren.“ lautet in der konstatierenden Haltung der Introvision: „Es kann sein, dass ich meinen Job verliere.“ Dieser Satz wird ins Zentrum der Aufmerksamkeit der Klientin gerückt, weil er Bestandteil des Bewusstseins ist, auch wenn sie ihre Sorge, den Job zu verlieren, verdrängt oder ignoriert.

Herausforderungen souverän begegnen und wieder handlungsfähig werden

Diesen Satz schaut sich die Klientin im KAW-Modus ein paar Minuten lang an, das heißt offen, mit weitgestellter Wahrnehmung, konstatierend. Bilder, Gedanken, Erkenntnisse können auftauchen, die in dem Kontext neu wirken. Zudem erfährt man in der Regel bereits Entlastung, die Erregung lässt nach. Je besser die Wahrnehmungstechnik KAW im Vorfeld erlernt wurde, desto wahrscheinlicher ist ein erfolgreicher Ablauf der Beratungssitzung und die anschließend eigenständige Anwendung von Introvision. Mit der Fähigkeit zur mentalen Selbstregulation durch Introvision verfügt man über ein wertvolles Werkzeug, um Herausforderungen souverän zu begegnen und wieder handlungsfähig zu werden.

 

 

Die Diplom Sportwissenschaftlerin Petra Spille (links) und die Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Angela Rohde (rechts) sind Gründungsmitglieder und Vorsitzende des Introvision e.V. in Hamburg. Sie bieten Introvisionsberatung nach Angelika C. Wagner an. Im Juni 2017 erschien das Buch Introvision bei Kopfschmerzen und Migräne von Monika Empl, Petra Spille und Sonja Löser.