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Goodbye German Angst of Scheitern?

Goodbye German Angst of Scheitern?
Mein Freund, der Fehler? Nicht in Deutschland!

Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen ist ein beliebter Spruch, der sich gut auf Postkarten oder T-Shirts verkauft. Doch er spiegelt mitnichten die Einstellung der Deutschen zum Scheitern wider, weiß Nadine Schimroszik.

In der Regel wird das unternehmerische Aus als Sackgasse verstanden. Deutschland steht in der Innen- wie Außenbetrachtung für Perfektion, für Arbeit, die gleich einem gut geschmierten Motor läuft. „Wir vertrauen viel auf Planung, erstellen Machbarkeitsstudien, haben DIN-Normen für jeden und alles. Das ist der Versuch, sich gegen das Scheitern zu immunisieren“, sagt Wirtschaftspsychologe Sebastian Kunert von der Humboldt-Universität.

Bei einer Befragung der HHL Leipzig Graduate School of Management gaben fast 80 Prozent der Studienteilnehmer die mangelnde Fehlerkultur als größte Barriere für hiesige Gründungen an. Ins gleiche Horn stieß eine Erhebung der Wirtschaftsberater der Boston Consulting Group (BCG). Demnach gehört die Angst vor dem Scheitern zu den Hauptgründen, warum etablierte Firmen Schwierigkeiten mit dem Wachsen haben.

Allzu häufig trifft Gescheiterten ein gesellschaftliches Stigma

Stellt diese Furcht also einen Hemmschuh für unsere Volkswirtschaft dar? Mit Sicherheit. Während in den USA im Rahmen des Amway Global Entrepreneurship Report nur 37 Prozent der Befragten angaben, die Angst vor dem Versagen halte sie vom Gründen ab, nannten 79 Prozent der Deutschen dies als Grund. Denn noch allzu häufig trifft den Gescheiterten hierzulande ein gesellschaftliches Stigma, droht der Verlust an Reputation und in der Außenbetrachtung wohnt dem zweiten Anlauf ein fahler Beigeschmack und eine gehörige Portion Skepsis bei. „Wir tun uns in unserem Land noch schwer damit, jemanden mit negativen Erfahrungen einem stromlinienförmigen Zauderer vorzuziehen. Dabei ist ersterer im Zweifel besser gewappnet, eine nachhaltige Erfolgsspur zu zeichnen“, sagt Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der in New York den Finanzinvestor Spitzberg Partners gegründet hat, mit dem er Start-ups dies- und jenseits des Atlantiks mit frischem Geld versorgt.

Auch Thorsten Dirks, Präsident des Digitalverbandes Bitkom und Eurowings-Vorstand, kritisiert, Deutschland habe seinen früheren Ruf als Hort der Innovation, Nation von Tüftlern und Erfindern eingebüßt: „Leider fehlt uns heute zu oft diese Bereitschaft, ein unternehmerisches Risiko einzugehen – auch aus der Angst heraus, es könnte schief gehen.“

Gescheiterten Gründern eine größere Bühne geben

Zwar sollte ein Unternehmer im Hinterkopf haben, dass das Scheitern eine ständige Option darstellt. Wer dies im Blick hat, geht achtsamer und nachhaltiger mit Erfolg um. Demjenigen gelingt es möglicherweise, stets zu hinterfragen, wie diese Phase verlängert werden kann. Vorstandschef Gisbert Rühl vom Stahlhändler Klöckner & Co. macht deutlich: „Es ist nur wichtig, dass auch Misserfolge offen kommuniziert und die richtigen Schlüsse aus ihnen gezogen werden.“ Es wird zwar häufig vom lebenslangen Lernen referiert, aber es hat sich noch nicht durchgesetzt, das Niederlagen ein ähnlicher Quell zum Lernen sind wie Erfolge. Attila von Unruh, der das Netzwerk der Anonymen Insolvenzler gegründet hat, rät deswegen dazu, gescheiterten Gründern eine größere Bühne geben – jedoch ohne die Insolvenz zu verherrlichen oder zu feiern: „Es muss normaler werden, dass das Scheitern eben dazugehört. Es ist eine Illusion, dass man Fehler vermeiden kann und trotzdem ein perfektes Unternehmen aufbauen kann.“ Auch das Bundeswirtschaftsministerium wirbt für Verständnis: „Gerade als Gründer muss man zunächst eine Reihe von Dingen ausprobieren, die nicht im ersten Anlauf klappen.“

Vielleicht würde es helfen, das Unternehmertum stärker zu feiern. Der Mut, die Zuversicht und Zukunftszugewandtheit von Gründern könnten unserer Volkswirtschaft ein neues – frisches – Gesicht verleihen. Einige Start-ups und ihre Macher machen jedenfalls schon jetzt Lust auf mehr.

 
Rückschläge in Siege verwandeln von Nadine Schimroszik

 

Nadine Schimroszik ist Wirtschaftsredakteurin bei der Nachrichtenagentur Thomson Reuters in Berlin mit Schwerpunkt auf Technologiethemen wie Rocket Internet und Zalando sowie den großen US-Tech-Riesen wie Apple, Google und Facebook. In ihrem aktuellen Buch „Rückschläge in Siege verwandeln“ beschäftigt sie sich damit, wie und was wir aus den Niederlagen der Großen lernen können.