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„Führung muss und wird sich verändern“

„Führung muss und wird sich verändern“
Die erfolgreiche Führungskraft von morgen weiß: Die Beziehungen zu und zwischen Mitarbeitern sind der zentrale Erfolgsfaktor im 21. Jahrhundert.

Führung wird im digitalen Zeitalter immer wichtiger. Denn je instabiler und von Veränderung geprägter das Umfeld der Unternehmen ist, desto mehr sehnen sich Mitarbeiter nach Halt und Orientierung, so Barbara Liebermeister im Interview.

Viele Führungskräfte sind in unserer vernetzten Welt neuen Herausforderungen ausgesetzt. Das verunsichert sie. Doch keine Panik: Menschen bleiben Menschen, und Führung bleibt Führung. Sie muss sich zwar verändern, ist aber mehr denn je gefragt.

Die Ratgeber: Sie sagen, im digitalen Zeitalter werde Führung immer wichtiger.

Barbara Liebermeister: Ja, weil sich aufgrund der sogenannten digitalen Transformation in den Unternehmen zwar sehr vieles verändert, jedoch eines nicht: der Mitarbeiter. Er wünscht sich weiterhin Halt und Orientierung – und zwar umso mehr, je instabiler sowie von Veränderung geprägter das Umfeld der Unternehmen ist. Wer aber kann dem Mitarbeiter dieses Gefühl vermitteln, wenn im Unternehmen alles permanent auf dem Prüfstand steht? Letztlich können es doch nur die Führungskräfte sein – weil es ansonsten im Unternehmenskontext nichts mehr gibt, worauf man als Mitarbeiter bauen und vertrauen kann. Dafür aber muss sich Führung im digitalen Zeitalter radikal verändern.

Die Ratgeber: Warum?

Liebermeister: Unter anderem, weil die für den Unternehmenserfolg relevanten Leistungen zunehmend von bereichs- und oft sogar unternehmensübergreifenden Teams erbracht werden. Deshalb haben die Führungskräfte seltener einen uneingeschränkten Zugriff auf ihre Mitarbeiter. Sie müssen zunehmend auf deren Loyalität, Integrität und Kompetenz vertrauen – auch, weil viele Herausforderungen neu sind und sie immer seltener einen Wissens- und Erfahrungsvorsprung vor ihren Mitarbeitern haben. Deshalb können sie ihnen auch seltener sagen: „Tue dies oder tue das, dann haben wir Erfolg.“ Vielmehr müssen sie mit ihnen kleine Versuchsballons starten und dann im Prozess ermitteln, was zielführend ist.

„Führungskräfte müssen sich als Beziehungsmanager verstehen“

Die Ratgeber: Wie ist in einem solchen Umfeld erfolgreiche Führung möglich?

Liebermeister: Führungskräfte müssen sich als Beziehungsmanager verstehen; außerdem als emotionale Leader, deren Aufgabe es ist, ihre Mitarbeiter zu inspirieren, so dass diese sich freiwillig für das Erreichen der gemeinsamen Ziele engagieren.

Die Ratgeber: Das haben viele Führungskräfte doch schon in der Vergangenheit getan.

Liebermeister: Ja, aber meist nur bezogen auf die ihnen unterstellten Mitarbeiter. In den Unternehmen der Zukunft sind ihre Bereiche jedoch eng mit anderen Bereichen verwoben. Und weil die meisten Unternehmen heute eine Vielzahl externer Dienstleister beschäftigen, die für sie wichtige Teilaufgaben erledigen, gilt es auch, diese zu integrieren und zu führen. Die nämlich verfügen oft über Kompetenzen, ohne die ihre Auftraggeber nicht marktfähig wären.

Die Ratgeber: Die Führungskräfte müssen also ein immer komplexeres Netzwerk führen.

Liebermeister: Ja, denn die Belegschaften und Beziehungsnetzwerke in den Unternehmen werden immer heterogener: „digital natives“ müssen mit „digital immigrants“ kooperieren, Westeuropäer mit Chinesen, festangestellte Mitarbeiter mit Freelancern. Reiche Erben, die primär Erfüllung im Job suchen, mit jungen Familienvätern, die Karriere machen möchten, weil sie ihre Eigenheim-Kredite abbezahlen müssen. All diese Individuen muss die Führungskraft führen und inspirieren – und zwar in einem Umfeld, das von permanenter Veränderung geprägt ist und in dem letztlich niemand weiß, was die Zukunft bringt.

„Von zentraler Bedeutung ist die Empathie“

Die Ratgeber: Welche Fähigkeiten braucht das?

Liebermeister: Vereinfacht lassen sich drei Kompetenzbereiche unterscheiden. Die sogenannte Persönlichkeitsintelligenz: Sie umfasst primär die Ebene des eigenen Selbstverständnisses. Dieses ist bei den Alpha-Tieren der Zukunft, denen andere Menschen aufgrund ihrer Kompetenz und Persönlichkeit gerne folgen, dadurch geprägt, dass sie keinen Allmachts-Phantasien huldigen. Sie verstehen sich vielmehr als Lernende. Sie hinterfragen ihr Verhalten und dessen Wirkung und entwickeln sich als Person weiter. Eng verknüpft sind damit Eigenschaften wie Neugier und Bereitschaft zur Veränderung sowie der Mut, die hierfür nötigen Schritte zu ergreifen.

Der zweite Kompetenzbereich ist die Beziehungsintelligenz. Er umfasst die Fähigkeiten, die zum Auf- und Ausbau tragfähiger Beziehungen erforderlich sind. Von zentraler Bedeutung ist hierbei die Empathie – also das Einfühlungsvermögen in andere Personen und Konstellationen. Und der dritte Kompetenzbereich ist die Digitalintelligenz. Ein zentrales Element dieses Kompetenzbereichs ist der Zukunftsblick. Hierzu zählt neben einer Vision, wohin der gemeinsame Weg führen soll, die Bereitschaft, die aus dem technischen Fortschritt sich ergebenden Chancen aktiv zu nutzen. Das setzt neben einem interdisziplinären Denken eine gewisse Digitalkompetenz voraus, weil die moderne Informations- und Kommunikationstechnologie meist der zentrale Veränderungstreiber ist.

Die Ratgeber: Worin zeigt sich diese Kompetenz?

Liebermeister: Primär darin, dass die Person sich, alleine oder mit Expertenunterstützung ein fundiertes Urteil darüber bilden kann, welche Chancen und Risiken sich aus dem technischen Fortschritt ergeben – und somit entscheidungs- und handlungsfähig ist. Führungskräfte, die über die genannten Fähigkeiten verfügen, können sich zu den emotionalen Leadern entwickeln, nach denen sich Menschen in einem von Instabilität und Veränderung geprägten Umfeld sehnen. Sie können sozusagen Persönlichkeitsmarken werden, denen ihre Mitarbeiter und Netzwerkpartner gerne folgen, weil sie ihnen aufgrund ihres Auftretens und Verhaltens vertrauen.
Barbara Liebermeister leitet das Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter.

 

Barbara Liebermeister leitet das Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter (IFIDZ). In ihrem im Gabal-Verlag erschienen Buch Digital ist egal: Mensch bleibt Mensch – Führung entscheidet, widmet sich die Managementberaterin der erfolgreichen Führungskraft von morgen.