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Digitale Ökonomie: Bedeutung für Mitarbeiter

Digitale Ökonomie: Bedeutung für Mitarbeiter
Wer mit möglichst wenig Angst durch das Leben gehen möchte, sollte sich auf die optimistisch-konstruktive Seite schlagen.

Prognosen sprechen davon, dass fast 60 Prozent aller heute bestehenden Arbeitsplätze durch die Digitalisierung der Ökonomie gefährdet sind. Mitarbeiter haben zwei Möglichkeiten: Sie können sich auf die Seite der Optimisten oder auf die der Pessimisten schlagen. Oder wie Steve Jobs das nannte: sich auf die konstruktive oder die destruktive Seite begeben.

Bevor eine fundamentale, gesellschaftliche Veränderung beginnt, sind es zunächst die intellektuellen Eliten, die das Neue durchspielen. Im 18. und 19. Jahrhundert waren das Adam Smith, Karl Marx und Max Weber, zu Beginn des 20. Jahrhunderts John Keynes und Joseph Schumpeter. Auch die intellektuelle und gesellschaftliche Debatte um die digitale Revolution ist inzwischen voll entbrannt. Hier ist die Szene – wie in allen Zeiten großer Umbrüche – in zwei Lager gespalten: „Angst und Schrecken“ und „Hype und Jubel“.

Einige Protagonisten wie das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation und die technische Lernwerkstatt der TU Darmstadt sehen die Auswirkungen der Digitalisierung durchaus positiv, während der „Münchner Kreis“, ein Zusammenschluss von Forschern und Unternehmensvertretern, der Wirtschaftshistoriker John Komlos und besonders die Arbeitnehmerorganisation ILO davon ausgehen, dass die Digitalisierung große Nachteile für Beschäftigte mit sich bringt. Die ILO zum Beispiel beschwört die paradiesischen Verhältnisse in Deutschland, wo 64 Prozent aller Arbeitnehmer einen festen und 12 Prozent einen Teilzeitjob hätten. Weltweit hätte nur jeder vierte Arbeitnehmer einen festen Job. Das Paradies sei jedoch bedroht!

Diese beiden konträren Standpunkte finden sich auch bei den deutschen Gewerkschaften, die die Digitalisierung in jüngster Zeit als Diskursobjekt entdeckt haben. Ver.di-Chef Frank Bsirske malt die Folgen der Digitalisierung als Endzeit aus: Sie befördere „soziale Ausgrenzung, Entdemokratisierung, totale Überwachung, die Entrechtung der Beschäftigten, Arbeitsplatzabbau, Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen, Arbeitsverdichtung und Entgrenzung von Arbeit“. Differenzierter und entspannter sehen das der IG-Metallvorsitzende Detlef Wetzel in seinem Buch Arbeit 4.0 und der Ver.di-Vorstandskollege Lothar Schröder. Wetzel glaubt, dass Deutschland in seiner Industrietradition in wirtschaftlichen Umbruchsituationen viele Erfolgsgeschichten geschrieben habe und auch die digitale Runde gewinnen werde.

In Deutschland werden Arbeitnehmerinteressen durch Betriebsräte vertreten

Die beiden gegensätzlichen Positionen haben in der Gewerkschaftsbewegung eine lange Tradition. In Deutschland werden die Arbeitnehmerinteressen durch Betriebsräte vertreten und deren Rechte sind gesetzlich verbrieft. Betriebsräte können dieses Mandat auf zwei Arten ausüben: konstruktiv oder destruktiv. Das würden Betriebsräte so natürlich nie formulieren. In der Sprache der Betriebsräte heißt das, als strategischer Partner oder als Schutzmacht tätig zu sein. Strategische Partner sind zum Beispiel die häufig sehr gut ausgebildeten Betriebsräte der Industriegewerkschaft Metall. Sie verfügen über eine gut organisierte Belegschaft und intelligente Verhandlungsstrategien in Tarifkonflikten. Gleichzeitig arbeiten viele Betriebsräte in den Unternehmen an strategischen Themen wie Markt, Globalisierung, Demografie, Integration oder Kosten und begleiten dabei das Management.

2014 machte der Betriebsrat von VW Vorschläge für ein Einsparungsprogramm von mehreren Milliarden Euro. Bei BMW gibt es sogar die Legende, dass in den 1950er-Jahren der Betriebsrat in Verhandlungen mit der Familie Quandt das Unternehmen gerettet habe. Die Schutzmachtidee ist die alte gewerkschaftliche Vision der Solidarität mit den Schwachen, die unterstützt werden müssen. Diese Idee scheint heute in Deutschland etwas aus der Zeit gefallen. Schutzmächte vertreten die Interessen einer unmündigen Arbeitnehmerschaft, die diese nicht selbst wahrnehmen kann. Betriebsräte als Schutzmacht sehen ihre Prioritäten darin, schwache Arbeitnehmer gegenüber den Arbeitgebern, dem Management oder einzelnen Managern zu vertreten und sie zu unterstützen.

Auf Augenhöhe zwischen Kapital und Arbeit

Ungerechtigkeit soll so bürokratisch verhindert werden. Wenig läuft ohne die Prüfung von leistungsrelevanten, individuell auswertbaren Parametern durch die Arbeitnehmerseite. Es wird alles blockiert, was als Leistungsmessung für den einzelnen Arbeitnehmer gelten kann.

Frontenbildung in Gut und Böse ist hier Programm. Die Schutzmachtidee mit ihrer Konsequenz der Blockade des Managements wird heute von professionellen Arbeitnehmervertretern in privatwirtschaftlichen Unternehmen kaum mehr vertreten. Auch hier geht der Weg in Richtung mehr Lateralität. Verhandlungserfolge werden auf Augenhöhe zwischen „Kapital“ und „Arbeit“ erzielt, wie das einmal Willy Brandt nannte.

Anders verläuft der Diskurs um die Digitalisierung in der Wirtschaftspresse. Es gibt heute kaum ein Magazin des Genres, das in den letzten Jahren nicht das Schlagwort „Industrie 4.0“ als Aufmacher genutzt hätte. Kleinste Informationen werden dann schon zu Megatrends. Diese hysterische Seite des Diskurses ist während gesellschaftlicher Umbrüche Programm. Wechselweise werden dann die Chancen und die Risiken des Neuen kommentiert.

George Orwells Vision ist Lieblingslektüre pessimistischer Untergangsapokalyptiker

Die Meinungsmacher spielen immer mit den Ängsten ihrer Kunden. Alles was bedroht, verkauft sich gut. Angst lähmt jedoch Denken und Handeln. Maß und Mitte verschaffen Denk- und Gestaltungsoptionen. In der gesellschaftlichen und intellektuellen Debatte um die digitale Revolution gibt es heute im Grunde zwei Positionen: die Pessimisten und die Optimisten. Das ist insofern wichtig, weil sich für jeden Menschen die Frage stellt, mit welcher Haltung er diesen Veränderungen begegnet.

Die Pessimisten, das sind Autoren wie Andrew Keen und Jaron Lanier. Sie sagen schon den Untergang von Aufklärung und Demokratie voraus, wenn sie sich die Folgen der Digitalisierung anschauen. Das Internet vereinzele die Menschen und unterbinde den Wettbewerb. Die Mitte der Gesellschaft verschwinde, Durchschnitt war einmal. Wer es nicht schaffe zum Unternehmer zu werden, habe verloren.

Weiter wird die Datensammelwut von Unternehmen und besonders von staatlichen Geheimdiensten als die Bedrohung individueller Freiheit erlebt. Die Enthüllungen von Edward Snowden, Chelsea Manning und WikiLeaks zeichnen diese Gefahren realistisch nach. George Orwells Vision ist die Lieblingslektüre pessimistischer Untergangsapokalyptiker. Sie meinen, dass 1984 50 Jahre später – also 2034 – stattfinden wird, mit allen seinen Schreckensbildern der obstruktiven, staatlichen Überwachung.

Die Zielrichtung heißt mehr Demokratie, mehr gesellschaftliches Engagement und mehr Beteiligung an demokratischen Prozessen

Teilweise sind diese Überlegungen nicht weit von der Realität entfernt. Christopher Keese, Topmanager beim Axel-Springer-Verlag, veröffentlichte 2014 mit Silicon Valley ein Buch, das Inneneinsichten in die Denkgebäude der Personen beschreibt, die den IT-Boom in Kalifornien heute vorantreiben.

Was wir in den kommenden Jahren tatsächlich erleben werden, bedeutet nichts weiter als die logische Konsequenz der kreativen Zerstörung, eine kapitalistischen Weiterentwicklung. Die gibt es allerdings nicht im Entspannungsmodus: Arbeit wird freigesetzt, Lohnarbeitsverhältnisse werden weltweit insgesamt weniger werden. Besonders monotone, einfache Tätigkeiten, aber auch Dienstleistungstätigkeiten fallen weg.

Was mit den Menschen wird, die diese Tätigkeiten ausgeübt haben oder heute noch ausüben, darüber wird es eine gesellschaftliche Debatte geben müssen. Hannah Arendt sagte das Ende der Arbeit schon vor mehr als 50 Jahren voraus. Die Zielrichtung heißt mehr Demokratie, mehr gesellschaftliches Engagement und mehr Beteiligung an demokratischen Prozessen. Das wären Fortschritte – und eine optimistische Zukunftserwartung.

Die Diskussion „Pro und Contra IT“ wurde bereits Anfang der 1970er-Jahre geführt

Die Ideen von Jaron Lanier und Andrew Keen weisen auf mögliche Gefahren hin, die jede technologische Revolution auslöst. Sie stehen jedoch historisch in einer Reihe von Fortschrittsbedenkenträgern, deren konstruktiver Beitrag zur Bewältigung tief greifender Veränderungsprozesse meist sehr gering war. Im 18. und 19. Jahrhundert gab es Maschinenstürmer, die technisch überlegene Webstühle und Maschinen zerstörten, um Arbeitsplätze zu erhalten.

In der autorisierten Steve-Jobs-Biografie berichtet der Autor Walter Isaacson, dass die Diskussion „Pro und Contra IT“ bereits Anfang der 1970er-Jahre in der Hippie-Bewegung in Kalifornien geführt wurde. Auch damals gab es Apologeten, die IT für Teufelszeug hielten. Die Gründer von Apple entschlossen sich, auf den positiven Nutzen der Informationstechnologie zu setzen. Sie haben sich letztlich durchgesetzt. Der Computer, das mobile Telefon und das Internet sind für viele Menschen sehr hilfreich. Heute will sie wohl niemand mehr missen.

Solange Mahner wie Jaron Lanier den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten, ist die öffentliche Gefahr von Big Brother doch relativ gering. Anders verhält es sich mit der öffentlichen Verfolgung von Personen, die sich bei WikiLeaks engagierten oder wie Edward Snowden oder Chelsea Manning um Meinungsfreiheit und Informationstransparenz verdient gemacht haben. Die Verfolgung dieser Personen bzw. die Verurteilung von Manning sind ein gesellschaftspolitischer Skandal. Für die USA sind diese Exzesse sicherlich kein Format, um sich zukünftig als First Mover im Feld der persönlichen Freiheit, der Datensicherheit, öffentlichen Datentransparenz und -verfügbarkeit in Stellung zu bringen.

„Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab!“

Was sind die Schlussfolgerungen für jeden Einzelnen aus dieser Debatte? Menschen haben zwei Möglichkeiten. Sie können sich auf die Seite der Optimisten oder auf die der Pessimisten schlagen. Oder wie Steve Jobs das nannte: sich auf die konstruktive oder die destruktive Seite begeben. Die pessimistisch-destruktive Seite wird dazu neigen, den Fortschritt zu beklagen.

Die optimistisch-konstruktive Seite wird den Fortschritt annehmen und für sich das Beste daraus ziehen. Wenn Sie mit möglichst wenig Angst durch das Leben gehen wollen, dann sollten Sie sich auf die optimistisch-konstruktive Seite schlagen, und wenn nicht … na ja, das geht auch. Einer der letzten weströmischen Kaiser, Marc Aurel, meinte dazu: „Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab!“

Dr. Roland Geschwill & Dr. Martina Nieswandt

 
Laterales Management von Roland Geschwill und Martina Nieswandt.

 

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