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Burnout: Wer ist besonders gefährdet?

Burnout: Wer ist besonders gefährdet?
Keine Berufsgruppe bleibt verschont. Die Burnout-Falle kann bei Managern wie Arbeitern zuschnappen, sie erwischt Verwaltungsangestellte, Pfarrer, Gefängnispersonal, Ärzte, Menschen in kreativen Berufen.

Burnout bezeichnet einen Zustand der Frustration und Erschöpfung. Besonders Menschen in den so genannten helfenden Berufen sollen besonders gefährdet zu sein.

Immer wieder wird in der Literatur darauf hingewiesen, dass das Burnout-Syndrom bei Menschen auftritt, die sich intensiv mit anderen befassen und sich dabei psychisch wie physisch so verausgaben, dass sie keine Kraft und Motivation mehr haben, ihr Leben in der bisher durchgeführten Intensität fortzusetzen.

Besonders Menschen in den so genannten helfenden Berufen scheinen gefährdet zu sein: Unter Sozialarbeitern und Krankenpflegern liegt die Burnout-Rate doppelt so hoch wie im Durchschnitt, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Jede Berufsgruppe kann betroffen sein

Während Experten allerdings noch vor einigen Jahren davon ausgingen, dass das Burnout-Syndrom ausschließlich die „Helfer“ betrifft, ist inzwischen klar: Keine Berufsgruppe bleibt verschont. Die Burnout-Falle kann bei Managern wie Arbeitern zuschnappen, sie erwischt Verwaltungsangestellte, Pfarrer, Gefängnispersonal, Ärzte. Auch Menschen in kreativen Berufen wie Schauspieler, Journalisten und Architekten sind betroffen.

Eine Studie des Zentralinstituts für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM) fördert beispielsweise auch für Mediziner nichts Gutes zu Tage: Danach sind insbesondere Chef- und Oberärzte gefährdet. Von ihnen fühlen sich 32,7 Prozent ausgebrannt. 1997 waren es gerade einmal 12,5 Prozent.

Auch Arbeitslose können Burnout Symptome zeigen

Das Burnout-Syndrom beschränkt sich aber nicht auf die Gruppe der Menschen, die in Lohn und Brot stehen. Noch stärker scheint die seelische Belastung für Arbeitslose zu sein. Sie erkranken, auch dies eine Schätzung der WHO, mehr als dreimal so häufig.


Mit der Entlassung kam das Gefühl der Minderwertigkeit. Schließlich, nach Dutzenden erfolgloser Bewerbungsversuche, fühlte ich mich als Totalversager. Ich hatte wahnsinnige Schuldgefühle gegenüber meiner Frau und meinen Kindern. Ich setzte mich selbst einem permanenten Druck aus, schrieb Bewerbungen im Akkord, doch immer hieß es: „Vielen Dank … hochinteressant … guter Eindruck … Doch leider … Vielzahl an Bewerbern … schicken wir Ihnen Ihre Unterlagen zu unserer Entlastung zurück.“ Erfolgserlebnisse? Fehlanzeige.

Dazu kamen die absolut sinnlosen Zwangstrainings und so genannten Fördermaßnahmen von Seiten der Arbeitsagentur, die zunehmenden Streitereien mit meiner Frau und die mitleidigen Blicke von Freunden oder ehemaligen Kollegen. Was, bitte schön, war eigentlich der Sinn meines Lebens? Wofür wurde ich noch gebraucht? Was war meine Funktion?

Siegfried F. (47), Bankkaufmann


Permanenter Druck, die Situation zu ändern

Dass Arbeitslose überhaupt an Burnout erkranken können, mag manchen überraschen. Ist denn nicht Burnout zwangsläufig eine Folge von Überarbeitung? Jein. Der Begriff „Überlastung“ trifft es besser. Viele Arbeitslose sind dem permanenten Druck ausgesetzt, ihre Situation zu ändern und wieder eine Arbeit zu finden. Dieser Druck kann von außen (Vorwürfe und Appelle von Familie oder Partner, Drohungen und Drängen seitens der Arbeitsagentur) oder von innen (Unzufriedenheit mit der eigenen Situation) auf den Arbeitslosen einwirken und ihn in einen dauernden Stresszustand manövrieren.

Wie aber sollen Arbeitslose diesem Stress entgegenwirken, woher sollen sie Anerkennung bekommen, wenn das „Stigma“ Arbeitslosigkeit, alle positiven Gedanken und Ansätze im Keim erstickt? Negativer Druck und fehlender Ausgleich – hier haben wir es tatsächlich mit den klassischen Voraussetzungen für ein Burnout-Syndrom zu tun.

Davon abgesehen, kann der Alltag eines Arbeitslosen – mit dem Schreiben von Bewerbungen, dem Absolvieren von Schulungsmaßnahmen und dem Organisieren eines Lebens mit wenig Geld – dem Achtstundentag eines Angestellten in punkto „Arbeitsbelastung“ manchmal ziemlich nah kommen.

Burnout bei Kindern

Auch im Zusammenhang mit der Schule hat sich der Begriff „Burnout“ in letzter Zeit häufig bemerkbar gemacht. Und zwar nicht auf die Lehrer bezogen, denn dort ist er ja schon längst etabliert (Lehrer zählen zur Gruppe der besonders Burnout-Gefährdeten). Gemeint sind die Schüler, die einem stärker gewordenen Druck nicht mehr standhalten können – und als Reaktion darauf psychische Störungen entwickeln. Schulpsychologen warnen, dass es in den vergangenen Jahren zu einem massiven Anstieg von Depressionen bei Schülern in Deutschland gekommen sei.

Mit den entsprechenden Auswirkungen: Wie die Erwachsenen suchen auch die Kinder nach einem „Ventil“ für ihre seelischen Schmerzen. Nur dass es sich dabei weniger um den Alkohol oder die Spielsucht dreht, dafür ritzen sich viele Schüler die Haut auf oder werden magersüchtig. Suizidfälle häufen sich.

Gestiegener Leistungsdrucks kann bei Kindern und Jugendlichen Burnout auslösen

Dabei sind rein schulpolitische Faktoren wie eine Verkürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Jahre an Gymnasien oder das dreigliedrige Schulsystem insgesamt nur ein Teil des Problems. Genauso schwer wiegen die gesellschaftlichen Veränderungen, mit denen sich die Kinder konfrontiert sehen. Wenn Eltern, Lehrer und Medien den Schülern vermitteln, dass sie ohne Einser-Abitur über ihre Zukunftschancen gar nicht erst nachdenken müssen und dass selbst in diesem Falle von Jobgarantie keine Rede sein kann – dann erzeugt dies Druck und Frustration.

Hinzu kommt, dass die Familie als Auffangbecken für kindliche Sorgen immer weniger taugt. Eltern haben ihre eigenen Probleme und sind häufig nicht dazu in der Lage zu verstehen, dass es ihren Kindern genauso geht. Der Befehl „Reiß dich zusammen“ taugt allerdings nicht zur Problemlösung.

Trotz all dem: Ist es eigentlich legitim, hier von „Burnout“ zu reden? Leiden die Schüler nicht einfach an Depressionen? Zweifellos ist der Begriff „Burnout“ ein Modewort geworden, das bei vielen passenden und unpassenden Gelegenheiten angeführt wird. Dennoch spricht nach unserer Auffassung vieles dafür, dass man angesichts des enorm gestiegenen Leistungs- und Erwartungsdrucks durchaus von Burnout bei Kindern oder Jugendlichen sprechen kann.

Burnout bei Vätern

Noch so eine „Modeerscheinung“: Väter im Burnout. Was für berufstätige Mütter schon lange nichts Neues mehr ist, trifft jetzt auch zunehmend die so genannten „modernen Männer“: Zwischen Kinderdienst, Beruf und Haushalt reiben sie sich auf und leiden darunter, bei zu vielen Lasten und zu wenig Anerkennung keine Zeit mehr für sich zu haben.

Für die „neuen“ Väter ist es selbstverständlich zu arbeiten und trotzdem viel Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, im Haushalt nicht nur zu helfen, sondern einen gerechten Teil des Putz-, Koch- und Waschdienstes zu erledigen.

Das Problem: Sie sind häufig nicht gut genug auf diese Herausforderungen vorbereitet: Sie bekommen nicht genug Schlaf, sie haben Stress im Job, den sie mit nach Hause nehmen, sie haben Stress zu Hause, der es ihnen unmöglich macht, sich vom Job-Stress zu erholen und sie haben Stress mit ihren Frauen, die nicht damit umgehen können, dass ihre Männer am Ende sind.

Burnout-Präventionsseminar speziell für Männer und Väter

Männer können sich schwerer eingestehen als Frauen, dass sie unter der Belastung von Familie, Kinder und Beruf leiden. Sie engagieren sich stark in der Familie, reduzieren aber nicht ihren Einsatz im Job, sondern knapsen sich die Zeit in der Freizeit ab, verzichten auf die wichtige Regeneration und den Schlaf – sie powern sich total aus.

Ein Problem ist das nicht nur für die überforderten Väter. Auch Arbeitgeber und Krankenkassen klagen. Und steuern dagegen: Als erste gesetzliche Krankenversicherung hat die Techniker Krankenkasse 2008 in einem Pilotprojekt ein Burnout-Präventionsseminar speziell für Männer und Väter kreiert – bisher gab es diese Seminare nur für Frauen und Mütter.

Burnout bei Studierenden

Auch unter Studierenden scheint das Burnout-Syndrom zu grassieren. Die Psychologischen Beratungsstellen der Studentenwerke registrieren jedenfalls einen zunehmenden Beratungsbedarf von Studierenden mit Burnout-typischen Symptomen. Laut der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DWS) aus dem Jahr 2006 kam jeder siebte Student wegen depressiver Verstimmungen zu den Beratungsstunden der Studentenwerke.


Vera B. hat Kulturwirtschaft studiert, füllte die vorlesungsfreie Zeit mit Praktika aus und jobbte nebenbei als Kellnerin. Ein ganz normaler Studentenalltag. Ganz normal, aber nicht zu bewältigen. Viel zu viele Pflichtveranstaltungen, kombiniert mit einem Prüfungsstakkato – der Aufwand allein fürs Studium entsprach schon einer Vierzigstundenwoche. Mindestens. Doch dann hatte Vera noch keinen einzigen Euro für ihren Lebensunterhalt verdient. Dafür waren die Abende da.

„Ich habe mir immer gesagt: Du musst die Prüfungen bestehen und du musst sie richtig gut bestehen! Ich wollte mir schließlich die optimale Ausgangsposition für den Berufsstart sichern. Diesem Ziel hatte sich alles andere unterzuordnen: Essen, Schlafen, Erholung, Freunde, Freund – Nebensache. Und es ging ja schließlich auch eine ganze Weile lang gut …“


Full-Time-Job Studium

Schneller, praxisnäher und effizienter sollte es werden – das Studium im Zeichen des Bachelors. Auf jeden Fall ist es stressiger geworden. Nach der Einführung des gestuften Studiensystems in Deutschland kann das Klischee vom „süßen Studentenleben“ nun endgültig zu Grabe getragen werden.

Bachelor in Deutschland? Das geht häufig so: Das unveränderte Lernpensum muss nun in drei statt vier Jahren bewältigt werden, zusätzlich gehen die Ergebnisse jedes einzelnen Semesters in die Abschlussnote ein – und das bei enorm gestiegener Pflichtstundenzahl. Studieren, ein Full-Time-Job. Die zeitgleiche Einführung der Studiengebühren in vielen Bundesländern verschärft den Druck auf die Studierenden zusätzlich.


Die Prüfungsangst wuchs im gleichen Maße wie mein Energiepegel sank. Ich war so unausstehlich, dass sich Freunde und Kommilitonen von mir distanzierten. Ich konnte nicht mehr schlafen, aß kaum etwas, das permanente Pfeifen im Ohr machte mich verrückt und immer wieder litt ich unter Kreislaufproblemen. An Lernen war in diesem Zustand nicht zu denken. Kurz vor dem Abschluss kam dann der endgültige Zusammenbruch. Ich lag nur noch auf dem Sofa und heulte, unfähig, irgendetwas zu tun, ja, mich überhaupt zu bewegen.

Vera B. (28), arbeitslos


Wo finden Studierende Hilfe?

In Deutschland bieten mehr als 40 Studentenwerke psychologische Beratung an. Die Berater unterstützen bei Prüfungsängsten, Schreibblockaden und Lernschwierigkeiten und helfen Studierenden, die unter Depressionen oder anderen psychosomatischen Problemen leiden. Die Anmeldung in den Beratungsstellen ist unkompliziert, die Beratung in der Regel kostenlos. Natürlich bleiben die Hilfesuchenden anonym.