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„Mit einem 08/15-Lebenslauf überzeugt keiner mehr“

„Mit einem 08/15-Lebenslauf überzeugt keiner mehr“
Wer nicht weiß, wie eine digitale Reputation aufgebaut und gefestigt wird, gerät auf dem Arbeitsmarkt ins Hintertreffen.

Die Digitalisierung verändert unsere Arbeitswelt und stellt sowohl Unternehmen als auch Bewerber vor neue Herausforderungen. Dabei haben Jobsuchende und Arbeitgeber oft Schwierigkeiten, zusammenzufinden. Worauf es beim Bewerben im Zeitalter der Transformation ankommt, erzählt Vincent Zeylmans im Interview.

 

Die Ratgeber: Wie verändert die Digitalisierung unsere Arbeitswelt?

Vincent Zeylmans: Die Diskussion darüber, was die Digitalisierung für unsere Arbeitswelt bedeutet, wird kontrovers geführt. Einerseits werden dramatische Szenarien entworfen. So meinte Siemens-Chef Joe Kaeser im Februar 2018, dass die Folgen der Digitalisierung viel schlimmer werden als der geplante Stellenabbau in seinem Unternehmen. Es schwirren Zahlen durch die Luft, wie viele Stellen in den kommenden Jahren durch den Wandel wegfallen werden. In manchen Studien ist von 50 Prozent der Arbeitsplätze die Rede. In diesem Zusammenhang wird gern auf das bedingungslose Grundeinkommen verwiesen. Finnland experimentiert bereits mit 1.000 Euro, die monatlich ohne Gegenleistung ausgezahlt werden. Auf der anderen Seite der Diskussion stehen die Optimisten. Sie sagen, dass die unsichere Zukunft bei jeder Generation Verunsicherungen und Ängste auslöst. Die US-Regierung befürchtete bereits in den 1950er-Jahren eine Massenarbeitslosigkeit aufgrund der Automatisierung und überlegte damals ernsthaft, mit der Einführung der 30-Stunden-Woche gegenzusteuern. Dann folgten jedoch zwei Jahrzehnte mit Vollbeschäftigung.

„Realisten geben zu, dass sie die Folgen der Digitalisierung noch nicht absehen können“

Retrospektiv betrachtet hat der technische Fortschritt bisher vielmehr zur Schaffung von Stellen als zum Abbau von Arbeitsplätzen geführt. Selbstverständlich ist das eine globale Betrachtungsweise. Im Einzelfall verlieren Mitarbeiter durchaus ihre Arbeit oder gar den Beruf, während sich für andere neue Beschäftigungsfelder auftun. Realisten geben zu, dass sie die Folgen der Digitalisierung noch nicht absehen können – aber im Zuge des technischen Fortschritts und während gesellschaftlicher Transformationsprozesse kamen bisher immer neue Ideen auf. Warum sollte es diesmal anders sein?

Tatsache ist, dass etwa 5,5 Millionen Erwerbstätige bis 2025 aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, für die es aufgrund des demografischen Wandels keinen Ersatz gibt. Manche sehen deshalb die fortschreitende Automatisierung als einen glücklichen Umstand, weil die Wirtschaft dadurch noch in der Lage sein wird, Güter und Dienstleistungen herzustellen und anzubieten, obwohl es weniger Erwerbstätige gibt.

Die Ratgeber: Wie funktioniert das Bewerben in der Arbeitswelt 4.0?

Zeylmans: Bewerben 4.0 fängt mit der Einsicht an, dass Erfolgsprinzipien der Vergangenheit bei Bewerbungen im Jahr 2018 nur noch eine begrenzte Relevanz besitzen. Adressaten haben weniger Zeit und wollen anders angesprochen werden. Stellen werden immer seltener ausgeschrieben und der verdeckte Arbeitsmarkt gewinnt an Bedeutung. Zunehmend gehen Unternehmen selbst auf die Suche nach qualifiziertem Personal und sprechen dieses direkt an. Wer nicht weiß, wie eine digitale Reputation aufgebaut und gefestigt wird, gerät ins Hintertreffen. Auch mit einem 08/15-Lebenslauf überzeugt kein Kandidat mehr. Erfolge müssen sichtbar gemacht werden.

Die Ratgeber: Wie werden Bewerber im digitalen Dickicht sichtbar?

Zeylmans: Es stellt sich zunächst die Frage, was über mich im Internet zu finden ist. Wenn mein Name gegoogelt wird, was taucht da auf? Ein Bewerber muss in der Lage sein, sein Personal Branding zu steuern. Die andere Frage ist, wie ein Bewerber überhaupt gefunden werden kann. Natürlich gibt es Karriere-Netzwerke wie XING oder LinkedIn. Es reicht aber nicht, hier einfach ein Profil zu unterhalten. Denn auch hier muss der Bewerber wissen, wie er unter 400 Millionen Profilen herausstechen kann.

„Ein Headhunter entscheidet in wenigen Sekunden, ob er sich mit meinem Profil befassen wird“

Ein Perspektivenwechsel ist angesagt: Nicht was ich kann, entscheidet – sondern was wahrgenommen wird. Ein Headhunter entscheidet in wenigen Sekunden, ob er sich mit meinem Profil befassen wird. Somit ist nicht nur meine Qualifikation von Bedeutung, sondern auch die Fähigkeit, diese sichtbar zu machen. Auch sollte ein minimales Wissen über Algorithmen und Suchfunktionen im Internet vorhanden sein. Der Marketingmanager, der lediglich die eigenen Aufgaben im Profil auflistet, sich aber nicht fragt, nach welchen Qualifikationen ein Personalleiter sucht, hat ein Problem.

Die Ratgeber: Wie sieht dabei unsere berufliche Zukunft aus?

Zeylmans: Die Bedeutung von Erfahrung wird abnehmen. Wir erleben eine exponentielle Vermehrung des Wissens. Somit werden stets aktuelle Kompetenzen und Qualifikationen gesucht, um Schritt zu halten mit den neuen Anforderungen. Akademische Ausbildungen kommen häufig nicht hinterher, um den Bedarf an neuen Fertigkeiten abzudecken. Nur noch in seltenen Fällen wird eine Ausbildung für das ganze Leben reichen. Viele werden sich im Laufe ihres Berufslebens neu erfinden müssen. Die Abschiedskompetenz wird immer wichtiger.

Unternehmen werden weniger Wert auf Präsenz legen und mehr auf die Erledigung der Arbeit. Das führt zu einer erhöhten Flexibilität und eine Vermischung von Freizeit und Arbeit. Wer in der Arbeit seine Leidenschaft ausleben kann, empfindet dies nicht als bedrohlich. Gleichwohl sollte jeder wissen, wie ein resilienter Lebensstil aussieht.

„Die Lebensmitte verschiebt sich nach hinten“

Der digitale Wandel erfordert neue Lebensentwürfe, die nochmals herausgefordert werden von der Tatsache, dass wir länger leben werden. Die durchschnittliche Lebenserwartung im Jahr 2050 in Deutschland beträgt 100 Jahre. Die Lebensmitte verschiebt sich nach hinten. Dadurch stellen sich ganz neue Fragen in Bezug auf die Lebensarbeitszeit, Gesundheit, Finanzen und auch die Familie und Freundschaften.

Die Ratgeber: Was werden die entscheidenden Erfolgsfaktoren sein?

Zeylmans: Erfolg wird zunehmend individuell definiert werden. Waren in der Vergangenheit häufig das Gehalt oder die Karriere Messgrößen, so ist heute schon viel mehr von der Lebensbalance, von selbstbestimmter Zeiteinteilung oder auch beruflicher Erfüllung die Rede.

Künftig wird Erfolg pro Lebensabschnitt unterschiedlich definiert. Am Anfang der beruflichen Karriere stehen möglicherweise monetäre Aspekte im Vordergrund. Wenn die Kinder da sind, wird vielleicht Zeit mit der Familie zum Erfolgsfaktor. Am Karriereabend (der sich über einen durchaus längeren Lebensabschnitt erstreckt) steht dann die Sinngebung im Mittelpunkt. Erfolgreich ist derjenige, der über das Instrumentarium verfügt, das Leben selbstbestimmt zu steuern. Dazu gehört auch das Wissen um Resilienz und somit der konstruktive Umgang mit Rückschlägen und Enttäuschungen.

 

Vincent Zeylmans

 

Der Karrierecoach Vincent G. A. Zeylmans van Emmichoven weiß, wie Bewerben 4.0 funktioniert und wie jeder sich im digitalen Dickicht sichtbar machen kann. In seinem Buch Bewerben 4.0 zeigt er, worauf es beim Bewerben im Zeitalter der Transformation ankommt, und ermutigt, seiner Leidenschaft zu folgen.