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VUCA-Welt – muss das sein?

VUCA-Welt – muss das sein?
Entscheidend ist, wie man an unvermeidbare Entwicklungen herangeht.

Ja, wir leben in einer komplexen, dynamischen, weniger vorhersehbaren Welt. Wie spannend! Wenn alles vorhersehbar und berechenbar ist – wie langweilig! Zu glauben, man könnte alles vorherberechnen, ist eh ein Irrglaube. Genauso wie komplette Sicherheit nur auf Kosten der Freiheit geht. Brauchen wir ein Konzept, dass nur Probleme betont?

Vor ein paar Monaten erhielt ich über meine Gesellschaft für Resilienz einen „Call for Speaker“ zu einem Coaching-Kongress. Schwerpunktthema: „Resilienz für die VUCA-Welt“. Ich hatte damals keine Zeit und habe mich deswegen nicht näher damit beschäftigt. Inzwischen ist mir der Begriff VUCA noch zwei- bis dreimal in Artikeln und auf Flyern begegnet. Ich musste dabei originellerweise immer an Wicca denken, was eine Art Hexenkult ist, und wollte deswegen jetzt endlich wissen, was VUCA denn wirklich bedeutet.

Die Recherche förderte so unterschiedliche Dinge zu Tage, wie den Artikel Wussten Sie, dass wir in einer VUCA-Welt leben? Nein, wusste ich nicht. Und VUCA – 4 Buchstaben, die die Welt erklären. Geht es auch eine Nummer kleiner? Sowie ein amerikanischer Wikipedia-Eintrag Volatility, uncertainty, complexity and ambiguity. Der Wikipedia-Eintrag beschreibt nicht nur wie das Akronym der vier Buchstaben zustande kommt, sondern erklärt auch den Hintergrund.

Wie häufig bei Management-Begriffen wurde auch VUCA aus dem Militär entliehen

VUCA steht also für Volatilität, Ungewissheit, (C)Komplexität und Ambiguität, also Vieldeutigkeit. Ein Konzept, dass sich aus diesen vier Elementen zusammensetzt, ok. Daraus aber gleich eine ganze Welt zu kreieren, halte ich für übertrieben. Dass unsere Welt, und damit auch die Arbeitswelt, sich verändert, ist ja nun weder auf diese vier Begriffe beschränkt, noch etwas Neues.

Wie so häufig bei Management-Begriffen wurde auch VUCA aus dem Militär entliehen und wurde ursprünglich angewandt, um die Veränderungen der Welt nach dem Kalten Krieg einzuordnen. Im Allgemeinen wurde die „VUCA-Welt“ seit den 1990ern in Zusammenhang mit Organisation und Führung und den Veränderungen dort benutzt. Angeblich soll sie in vielen Unternehmen Einzug gehalten haben. Insgesamt scheint der Begriff im Englischen verbreiteter zu sein, allerdings ohne „World“.

Es ist ja wichtig für viele Menschen und Organisation, ihre Umwelt in Schubladen einzuteilen, um sich sicherer zu fühlen. Dafür habe ich Verständnis. Was mich wirklich stört, ist die negative Konnotation, die den einzelnen Begriffen, die das Wort VUCA bilden, zugemessen wird.

Es ist vermessen, von einer VUCA-„Welt“ zu sprechen

Beispiel Volatilität: Es macht schon einen Unterschied, ob man darunter Unberechenbarkeit und Unbeständigkeit versteht und das als Nachteil, weil nicht kontrollierbar, ansieht. Oder ob man es als Flüchtigkeit (Chemie) oder als „das Ausmaß von Schwankungen innerhalb einer kurzen Zeitspanne“ (Wirtschaft, siehe Duden) und damit als das Gegenteil von Starrheit und Stillstand eher positiv versteht. Genauso kann man Uncertainty als Unsicherheit oder als Ungewissheit und damit als Problem oder aber als spannende Herausforderung begreifen. Das Gleiche gilt auch für Komplexität.


In ihrer Kolumne We can work it out! setzt sich Nicole Willnow
mit den Entwicklungen der Arbeitswelt auseinander.


 

Mag sein, dass es Jobs gibt, die im Moment unsicher geworden sind, aber das gab es früher auch schon. Und oft stimmt der subjektive Eindruck auch gar nicht. Immerhin haben wir die niedrigste Arbeitslosenquote seit Jahrzehnten. Selbst wenn man unsere volatile Um- und Arbeitswelt als unsicher empfindet, beschreiben die vier genannten Begriffe doch nicht unsere ganze Arbeitswelt, geschweige denn unsere ganze Umwelt. Im Gegenteil bilden sie doch nur einen kleinen Teil ab. Da ist es doch vermessen, von einer VUCA-„Welt“ zu sprechen.

Wichtig ist vor allem die eigene Haltung

Warum arbeite ich mich überhaupt an so einem Begriff ab? Weil es entscheidend ist, wie man an unvermeidbare Entwicklungen herangeht, um damit klar zu kommen. Es ist egal, ob das Glas halbvoll oder halbleer ist. Wichtig ist, was einem dazu einfällt – zum Beispiel es nachzufüllen. Es ist ein großer Unterschied, ob man Angst vor der bösen, unsicheren, unberechenbaren Welt hat, die einem furchtbare Ohnmachtsgefühle verursacht. Oder ob man Spaß daran hat, neue Dinge kennenzulernen oder daran, Lösungen für komplexe Probleme auszutüfteln. Ob man sich Angst machen lässt oder nicht, ist ganz entscheidend dafür, wie man die Zukunft herangeht. Angst vor Veränderung hat letztere noch nie aufgehalten.

Auf die Arbeitswelt angewendet, macht es Sinn, sich mit Veränderungen zu arrangieren, in dem man sein Wissen und Können erweitert, anstatt den Kopf in den Sand zu stecken. Mit Menschen zu reden, anstatt sich ins stille Kämmerlein zurückzuziehen. Über den Tellerrand hinausschauen, um Trends zu erspüren. Arbeitsfährtensucher sein, anstatt den Mörder im Fernsehkrimi zu errätseln. Auch wenn der geschätzte Helmut Schmidt meinte, Visionen seien etwas für den Arzt. Besser Visionen haben, als Angst und Ohnmacht. Die nötige Gelassenheit und Kreativität zu erlangen, dabei kann einem dann, vor allem präventiv, wirklich die Entwicklung der eigenen Resilienz helfen. Denn wichtig ist vor allem die eigene Haltung – und an der kann man arbeiten.

We can work it out!
Eure Nicole