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New Work und das digitale Du

New Work und das digitale Du
Das Duzen beschränkt sich nicht mehr nur auf Kollegen, sondern überwindet inzwischen auch Hierarchie-Ebenen.

Die digitale Transformation wirkt sich nicht nur auf die Technik aus, sondern auch auf den Umgang miteinander. Das zeigt sich unter anderem in zunehmender formloser Anrede. Ein Schritt zu mehr Gleichberechtigung in der Arbeitswelt?

Die Rede ist vom Duzen, das nicht mehr nur auf Kollegen beschränkt ist, sondern inzwischen auch Hierarchien überwindet. Wenn mich bei einer Networking-Veranstaltung mal wieder ein 25jähriger, junger Mensch siezt, gucke ich inzwischen nicht mehr pikiert. Schließlich könnte ich Kinder in dem Alter haben. Stattdessen antworte ich seit einiger Zeit darauf, in dem ich erkläre, wir seien bei solchen Events eigentlich beim „Digitalen Du“ und stelle mich mit meinem Vornamen vor. Das mit dem digitalen Du habe ich mal irgendwo gelesen.

Daran musste ich denken, als ich vor kurzem die Meldung las, das der Vorstand des OTTO-Konzerns, Hans-Otto Schrader, seinen 54.000 Mitarbeitern das freiwillige Du anbot. Er sagt dazu laut XING: „Wir wollen damit ein noch stärkeres Wir-Gefühl fördern.“ Und dass dieses Angebot ein Schritt auf dem Weg zu einem Kulturwandel 4.0 sein soll.

Kein Sie in Start-ups

Ist das zunehmende berufliche Duzen also ein weiteres Zeichen für dieses ominöse New Work? Hat die Anrede etwas mit der gerade viel beschworenen und gewünschten Augenhöhe zu tun? Verändert das Du das Miteinander im Kollegen-Kreis? Sind verschiedene Altersgruppen und Hierarchiestufen, die entspannt miteinander arbeiten und sich dabei duzen, inzwischen überall normal?


In ihrer Kolumne We can work it out! setzt sich Nicole Willnow
mit den Entwicklungen der Arbeitswelt auseinander.


In Start-ups gibt es meines Wissens gar nichts anderes. Oder kennt jemand ein Gegenbeispiel? Aber anscheinend auch in anderen Unternehmen hat die formlose Anrede stärker Einzug gehalten, als mir bewusst war. Laut einer Indeed-Studie duzen über 70 Prozent die Kollegen, 50 Prozent auch die Chefs. Ob nur die direkten Chefs oder auch den CEO konnte ich nicht leider nicht herausfinden. Und den CEO eines Konzerns wie OTTO? Das wohl eher selten.

Das Internet leistet dem Du Vorschub

Ok, in Digitalien haben wir das digitale Du, beim Fußball das sportliche Du, beim Golfen oder ein paar anderen Sportarten das „Tages-Du“, es gibt das politische Genossen-Du und andere Duz-Formen mehr. IKEA hat ja schon seit Jahren nicht nur das Kollegen-Du, sondern auch gleich das Kunden-Du eingeführt. Ich habe noch nie gehört, dass sich jemand darüber beschwert hat. Aber was die IKEA-Kollegen wirklich darüber denken, weiß ich nicht. Hat jemand die mal nach ihren Erfahrungen gefragt? Sind sie wirklich eine große Familie, wie man uns das präsentiert? Ist das vielleicht ein Zeichen des demokratischen Dus, mit dem in Skandinavien sogar die Mitglieder der Königsfamilien angesprochen werden dürfen?

Noch vor drei Jahren hielt Horst Simon, Professor für Historische Sprachwissenschaft an der FU Berlin, das Sie in Deutschland für stabil. Die Digitalisierung scheint aber auch hier für einen schnelleren Wandel verantwortlich zu sein, als er damals dachte. Das Internet scheint dem Du Vorschub zu leisten. Soziale Schichten werden dort nivelliert, solange man des Deutschen einigermaßen mächtig ist. Ich erinnere mich nicht, jemals jemanden in sozialen Netzwerken gesiezt zu haben.

Ist Anrede überhaupt noch wichtig?

Warum ist das Du nicht einfach nur eine Anrede? Es ist vielmehr scheinbar ein ganzes Konzept. Es soll um mehr Gleichberechtigung, mehr Partizipation, mehr Demokratie, mehr Augenhöhe gehen. Ist das ehrlich gemeinte Gleichberechtigung oder Anbiederei? Glauben Führungskräfte, dass das Du sie auf Augenhöhe bringt? Will man sich nur nicht alt fühlen? Ist die verstärkte Nutzung eine Frage der englischsprachigen Internationalisierung, weil wir das englische You nie verstanden haben? Oder ist die Anrede einfach gar nicht mehr so wichtig?

Die Zeiten, in denen wir einer Person mit einem Sie automatisch Ehre erwiesen, scheinen überwiegend vorbei. Weil Hierarchien nicht mehr so ausgeprägt sind, nicht nur im Geschäftlichen, sondern auch gesellschaftlich. Früher gab es Respekt auch nicht nur anhand der Siezerei, sondern aufgrund von Leistung, Ausstrahlung oder vielleicht noch der Position. Das Sie gaukelte oft nur vor, das Untergebene Respekt zeigten.

Du, Frau Müller, was kosten die Kondome?

Wem aber nützte das Gesieze, wenn hinter vorgehaltener Hand gelästert wurde? Als Führungskraft schien man Grenzen setzen zu können, als man noch alle siezte. Grenzen, die inzwischen kaum noch jemand möchte. Als gute Führungskraft soll man sich den Respekt heute anders verdienen als durch Position, Hierarchie und damit verbundenem Siezen. Motivation und Coaching sind gefragt. Ob das mit dem digitalen Du besser geht, werden wir sehen.

Eines ist sicher, zurück vom Du zum Sie kann man nicht mehr, wenn man erstmal den Schalter umgelegt hat. Ein Anrecht auf die Anrede „Sie“ gibt es sowieso nicht, auch nicht im Berufsumfeld, wenn das Du im Unternehmen üblich ist. Solange sich nicht das Verkäuferin-Du durchsetzt (Du, Frau Müller, was kosten die Kondome?), soll mir alles recht sein. Versteht die Gen Y diesen Witz eigentlich noch?

Und wenn wir in diesem Sinne die Zukunft gestalten wollen, dann sollten wir hier damit anfangen. Ich bin alt genug und dazu eine Frau und darf deswegen hier wahrscheinlich fast jedem das Du anbieten, was ich hiermit tue,

Eure Nicole