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New Work – mehr als des Kaisers neue Kleider?

New Work – mehr als des Kaisers neue Kleider?
Die Digitalisierung wird viele Arbeitsbereiche erreichen – und damit bestenfalls auch mehr Freiheit für arbeitende Menschen bedeuten.

Alte Arbeitswelt, Old Economy, neue Arbeitswelt, New Work, Industrie 4.0, Arbeiten 4.0 – jeden Tag prasseln neue Vokabeln auf die Erwerbstätigen nieder. Wer kann und will das noch alles einordnen? Wir fangen einfach mal damit an…

Jedes Mal, wenn ich ein neues Buzzword lese oder höre, denke ich darüber nach, ob das sein musste. Brauchen wir wieder ein neues Wort, einen neuen Ausdruck, um unsere Welt besser zu beschreiben? Geht es um etwas wirklich Neues? Oder wird wieder einmal nur versucht, des Kaisers neue Kleider an die Frau oder an den Mann zu bringen?

So ging es mir auch mit dem Begriff „New Work“. Flugs gegoogelt, sorry recherchiert, und herausgefunden, dass der Begriff vom Sozialphilosophen Frithjof Bergmann seit den Siebzigern des vorherigen Jahrhunderts wissenschaftlich definiert und erforscht wurde. Sein Name kam mir dann auch gleich bekannt vor, wahrscheinlich aus meinem BWL-Studium, wo ich Anfang der 90er unter anderem Personalwesen und Arbeitswissenschaft studierte. Ok, so neu ist „New Work“ also nicht.

Bergmann war seiner Zeit voraus

Was aber verstand Bergmann unter „New Work“ und was soll heute damit gemeint sein? Bergman kritisierte das System der Lohnarbeit und trat für mehr Handlungsfreiheit bei der Wahl von Arbeit ein: „Neue Arbeit bietet Freiräume für Kreativität und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit.“ Und, „die zentralen Werte der Neuen Arbeit sind Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an Gemeinschaft.“ Alles lange vor der Digitalisierung, klingt allerdings so, als hätte es jemand gerade letztes Jahr geschrieben. Bergmann war also seiner Zeit voraus und sehr modern, denn das ist auch in etwa das, was 30 Jahre später unter dem idealen Begriff „New Work“ propagiert wird: Mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung, mehr Sinn.


In ihrer Kolumne We can work it out! setzt sich Nicole Willnow
mit den Entwicklungen der Arbeitswelt auseinander.


Nun liest man heute allerdings oft, dass diese „Zukunft der Arbeit“ eine Folge der zunehmenden Digitalisierung sei. Und vielleicht noch, dass die Gen Y diese Arbeitsform einfordere. Wirklich? Ich würde sagen, eher nicht. Warum ich das nicht glaube? Schon vor 25 Jahren wollten viele meiner Kommilitonen ebenfalls so arbeiten – und einige haben es auch über die Jahre umgesetzt.

Wenn es nicht angestellt ging, dann eben in der größeren Freiheit der Selbständigkeit. Das, was heute vielleicht neu ist, ist die Tatsache, dass auch Angestellten immer öfter diese Handlungsfreiheit gewährt wird. Also zu arbeiten, wann und wo sie wollen – für Minderheiten sogar, was sie wollen.

Weit entfernt von der Arbeitswirklichkeit

Allerdings sollten wir uns nichts vormachen: Das gilt in der Blase der Wissensarbeiter, der akademischen Elite, und da im Moment in bestimmten Branchen. Und ja, es krabbelt langsam auch in andere Bereiche. Aber es ist weit entfernt von der Arbeitswirklichkeit der Mehrheit der Arbeitnehmer. Auch, weil nicht alle selbst entscheiden wollen, was sie wann arbeiten, sondern froh sind, wenn ihnen andere das vorgeben und sie damit die Verantwortung abgeben können. Das hat sich für einen großen Teil nicht geändert. Was man zum Beispiel daran sehen kann, dass Menschen trotz Gleitzeit fast immer zur selben Zeit zur Arbeit kommen und „pünktlich“ gehen. Oder sich trotz freier Platzwahl immer an den selben Platz setzen, zu beobachten auch in Coworking-Spaces.

Ja, die Digitalisierung wird weitere Arbeitsbereiche erreichen, und damit bestenfalls auch mehr Freiheit für arbeitende Menschen bedeuten. Denn wenn die industrielle Produktionsarbeit von Menschen abnimmt, weil diese von digitalisierten Maschinen wesentlich mehr und effektiver als heute übernommen wird, wenn die Wissensarbeit zunehmen wird, weil sie es muss, dann wird sich zeigen, wie die Zukunft der Arbeit aussehen wird.

Kreative Wissensarbeit braucht andere Formen der Freiheit

Ob das in 15 oder 25 Jahren soweit sein wird, wissen wir jetzt noch nicht. Auch nicht, ob und wann wir es schaffen, genügend Wissensarbeiter auszubilden bzw. die neue, notwendige agile Haltung bei Arbeitnehmern zu schaffen, die Freiheit begrüßt. Wie und inwieweit man Menschen und Unternehmen doch dazu bewegt, sich flexibler zu verhalten, dazu später mehr.

Dem Philosophen Bergmann zufolge ist New Work weniger eine Folge der Digitalisierung, sondern eher des Wunsches und der Notwendigkeit, dass kreative Wissensarbeit andere Formen der Freiheit braucht. Das heißt, Digitalisierung ist Mittel zum Zweck, bedeutet aber noch lange nicht automatisch Arbeiten 4.0 wie die Zukunft der Arbeit auch gern genannt wird.

Bis letztere für die Mehrheit merklich spürbar wird, wird es sicher schon wieder zig neue Buzzwords geben, denen man hinterher hechelt, pardon, die man zur Erklärung der Realitäten und und vor allem der Trends scheinbar immer wieder braucht.

Egal ob New Work oder Old Economy, lassen Sie uns zusammen die Zukunft entwickeln…

Ihre Nicole Willnow