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Neue Berufe braucht das Land

Neue Berufe braucht das Land
Die Digitalisierung baut alte Berufsgruppen ab – neue kommen allerdings auch dazu.

In Zusammenhang mit der schönen neuen Arbeitswelt wird auch immer wieder darüber gesprochen, welche Berufe es auch zukünftig gibt, welche verschwinden und welche dazu kommen. Dass sich die Berufsvielfalt verändert ist nicht neu. Welche Veränderungen aber mit der Digitalisierung zu tun haben, sollten wir uns näher anschauen.

In der ARD-Sendung Monitor wurde jüngst über die extrem unterbezahlten, ausgebeuteten Sub-Unternehmer der Deutschen Post berichtet. Wenn die Digitalisierung dazu führt, dass durch Paket-Drohnen und selbstfahrende LKW diese Jobs wegfallen, könnte man sich eigentlich freuen. Auch wenn die Sub-Unternehmer, alles Selbstständige, das sicher im Moment (noch) anders sehen.

Welche Berufe werden durch die Digitalisierung zukünftig überflüssig? Und viel spannender, welche Berufe schafft die Digitalisierung neu? Ganz genau ist das natürlich nicht zu sagen. Nur für die nähere Zukunft ist die Entwicklung klarer. Aber ein paar Prognosen kann man sicher wagen.

Das hat die Bertelsmann-Stiftung versucht und in „Arbeitsmarkt 2030 – Trends am Arbeitsmarkt“ ein paar Zukunftsszenarien zur Digitalisierung zu entwickelt. Kreiert wurden folgende sechs makroökonomische Szenarien:

1. Ingenieur-Nation mit Herzchen
2. Rheinischer Kapitalismus 4.0
3. Digitale Hochburgen mit abgehängtem Umland
4. Digitale Evolution im förderalen Wettbewerb
5. Silicon Countryside mit sozialen Konflikten
6. Digitales Scheitern

Jedes dieser Szenarien prognostiziert nicht nur bestimmte wirtschaftliche Entwicklungen, sondern auch damit verbundene Entwicklungen für Berufsgruppen. Und nicht alle Szenarien sind gleich wahrscheinlich. Szenarium 6 zum Beispiel halten die meisten für unwahrscheinlich. Prognostiziert wird vielmehr eine Mischung aus verschiedenen Szenarien.

Kreative Wissensarbeiter in höher qualifizierten Berufen

Ein paar Ideen für neue Berufe, die man sich dazu ausgedacht hatte, wurden bei einer Veranstaltung des Bucerius Lab vor kurzem in Hamburg vorgestellt:

  • I-Factory Master: Ingenieur im Cockpit der Fabrik, Stichwort Robotik
  • Lokaler Paketbote: mehr ein Zuverdienst gegen Kleingeld
  • Netz-Ermittler: kriminalistisch oder als Infobrooker
  • Crowd-Disponent
  • Geschäftsmodell-Architekt
  • Buchhaltung 4.0: Shared Service Buchhalter

Fast alle der genannten Szenarien prognostizieren kreative Wissensarbeiter in höher qualifizierten Berufen – tätig als angestellte Projektarbeiter oder Selbstständige. Verglichen mit anderen Industriestaaten haben wir in Sachen Selbständigkeit sowieso noch Nachholbedarf. Auch verändert sich die Arbeitsmarktentwicklung je nach Szenarium schneller oder langsamer, extremer oder konservativer.

Wird es ein digitales Prekariat geben?

Ob man diese Veränderungen nun positiv findet und sie annimmt oder negativ und sie fürchtet, hängt sicher mit der eigenen persönlichen Bildung zusammen, und manchmal auch mit dem Alter.

Wird es ein digitales Prekariat geben? Dann wäre das ein Bildungsprekariat. Kann man daran etwas ändern? Sicher. Bildung ist dafür nötig. Und zwar jetzt sofort. Die Flexibilität vieler Akteure muss dafür aber größer werden. Und die soziale Sicherung muss auf den Prüfstand und angepasst werden.

Vor gut 30 Jahren gab es ähnliche Diskussionen. Und zwar als die Automation in den Industriebetrieben vor allem dazu führte, dass man ein großes Heer von Arbeitslosen fürchtete. Es wurden Stellen abgebaut und Menschen entlassen. Allerdings fand die Mehrheit an anderer Stelle neue Beschäftigung.

Auch das funktioniert natürlich dann vor allem gut, wenn man diese Menschen rechtzeitig weiterbildet. Meiner Meinung nach eine Pflicht, die vor allem von Unternehmen zu erfüllen ist. Wie sonst wollen sie auch zukünftig die richtigen Bewerber finden?

Wer die Zukunft mitgestalten will, kann sich aktiv einbringen

Und wie die niedrigen Arbeitslosenzahlen aktuell zeigen, wurden mehr neue Stellen geschaffen als alte wegfielen. Die gleiche Entwicklung wird auch die Digitalisierung hervorrufen. Die hat doch eh schon längst dazu beigetragen, dass sich alte Berufsgruppen abbauen und neue dazu kommen. Beispiel Banken: Schalterbeamte gibt es nicht mehr, dafür aber eine ganze Branche von FinTech-Unternehmen.


In ihrer Kolumne We can work it out! setzt sich Nicole Willnow
mit den Entwicklungen der Arbeitswelt auseinander.


Vor 200 Jahren arbeiten noch 95 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft, heute sind es nur noch 1,5 Prozent. Erst entwickelte sich der Handel, dann die Industriegesellschaft und zum Schluss die Dienstleistungsgesellschaft. In letzterer arbeiten fast 75 Prozent aller Beschäftigten. Inzwischen sind wir schon lange eine Informationsgesellschaft.

Dass sich Arbeitswelten verändern, ist also weder neu noch überraschend. Warum man deswegen immer noch aufgeregt mit den Flügeln schlagen muss, ist mir unverständlich. Wer die Zukunft mitgestalten will, kann sich aktiv einbringen. Für alle anderen passiert sie einfach.

Eure Nicole Willnow