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Frauenförderung: Schlusslicht Deutschland

Frauenförderung: Schlusslicht Deutschland
Gläserne Decken oder verkrustete Rollenmuster erschweren Frauen nach wie vor den Weg in die Führungsetagen.

Noch 170 Jahre, dann werden Frauen in wirtschaftlichen Belangen die gleichen Chancen haben wie Männer – so das ernüchternde Ergebnis einer Studie des Weltwirtschaftsforums. Was aber, wenn man noch in diesem Leben Karriere machen will?

Seit mehr als 100 Jahren geht es am Internationalen Weltfrauentag um Gleichberechtigung. Trotz Frauenquote und Maßnahmen gegen die Gender-Pay-Gap, die Lücke zwischen Gehältern von Männern und Frauen, ist in der Arbeitswelt die Gleichbehandlung allerdings noch nicht erreicht.

In keinem anderen Land, das von der OECD statistisch erfasst wird, tragen Frauen so wenig zum Familieneinkommen bei wie in Deutschland. Keine Frau führt einen Dax-Konzern. Nach einer aktuellen Analyse der Förderbank KfW gerät der Zuwachs der Chefinnen im Mittelstand ins Stocken. Es ist bedauerlich, dass Frauen in den Führungsetagen deutscher Unternehmer nach wie vor unterrepräsentiert sind. Und unter volkswirtschaftlichen Aspekten ist es geradezu fahrlässig, auf das Potenzial von gut ausgebildeten Frauen zu verzichten.

Wissensvorsprung anderer nutzen

Gläserne Decken oder verkrustete Rollenmuster erschweren Frauen nach wie vor den Weg in die Führungsetagen. Diese Hürden können Frauen jedoch kräfteschonend umgehen, indem sie auf die Erfahrung von Kolleginnen setzt. Hinter dem Prinzip Mentoring steckt der Gedanke, den Wissensvorsprung erfahrenerer Menschen zu nutzen. Kurz: Die Mentorin gibt Kenntnisse und Fähigkeiten an eine weniger erfahrene Person, die Mentee, weiter. Beide gewinnen durch den Austausch, denn sie lernen aus den Erfahrungen anderer. Sie gehen persönlich gestärkt aus dem Programm hervor – und können in der Folge individuellen Anforderungen besser gerecht werden.

Im Kampf um die besten Köpfe müssen Unternehmen ihre wichtigste Ressource – die Kreativität und das Engagement ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – fördern und halten. Deshalb ist Personalentwicklung von zentraler Bedeutung für die Strategie eines Unternehmens. Dabei ist Mentoring kein HR-Hexenwerk, sondern ein strukturierter Prozess mit sinnvollen Instrumenten zur Personalentwicklung, für den es einen Fahrplan gibt.

Führungskompetenz und Chancengleichheit

Mentoring fördert den Austausch vorhandenen Wissens innerhalb der Belegschaft, es bricht Barrieren auf und verbessert das Verständnis für andere Arbeitsbereiche. Unternehmen profitieren von Mitarbeiterinnen, die sich selbst Ziele setzen, diese erreichen und denen es gelingt, den firmeninternen Wissenstransfer zu gewährleisten. Mentoring ist also ein Erfolgsfaktor, um vor allem Know-how-basierte Unternehmen zukunftsfähig zu erhalten – und zwar in jeder Branche.

Dabei sind die Themen des Mentoring so vielfältig wie die personelle Zusammensetzung eines Unternehmens: Führungskompetenz, Entscheidungsfindung, Chancengleichheit, Integration, Karriereplanung sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind Stichworte, zu denen Mentees den Rat erfahrener Gesprächspartnerinnen und -partner suchen. Sie hören inspirierende Geschichten, lernen Mut machende Rollenvorbilder kennen, finden Verbündete und knüpfen ein tragfähiges Netzwerk.

Weniger Präsenz- und dafür flexible Arbeitszeit

Auch im 21. Jahrhundert ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf von zentraler Bedeutung. Weniger Präsenz- und dafür flexible Arbeitszeit geben Eltern den Raum für die gerechte Aufgabenteilung in der Familie. Lassen Personalverantwortliche diese neuen Spielräume zu, binden sie kluge Köpfe ans Unternehmen und können den Wandel in der Berufswelt – Stichwort: Arbeitswelt 4.0 oder alternde Belegschaft – gestalten. Daher sollten Firmen die Vielfalt fördern sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Thema für männliche wie weibliche Mitarbeiter identifizieren – nicht nur als Aufgabe der Frauen. „Warum stellen sich die Firmen nicht auf die neue Realität ein anstatt von Angestellten zu erwarten, dass sie sich auf den Kopf stellen?“, wirft die amerikanische Politikwissenschaftlerin Anne-Marie Slaughter die Frage zu Recht auf.

Mentoring ist eine Antwort auf diese Frage. Denn es steht für die Wertschätzung der Mitarbeiter. Es ist Signal an erfahrene Kräfte, deren Erfahrung erwünscht ist. Und es ist ein Signal an den talentierten Nachwuchs, der sich weiterentwickeln will. Wer noch in diesem Leben Karriere machen will, setzt also auf Mentoring. Denn es hat sich als Tool zur Frauenförderung auf dem Weg zur Gleichberechtigung bewährt.

 

Gabriele Hoffmeister-Schönfelder

 

Gabriele Hoffmeister-Schönfelder, Inhaberin der Hamburger Personal- und Unternehmensberatung kontor5 und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Mentoring (DGM), ist Autorin des deutschen Standardwerks „Mentoring – im Tandem zum Erfolg“. Sie hat das System Cross-Mentoring sowie das Prinzip Generationen-Mentoring entwickelt und beteiligt sich an der Entwicklung des MENtorings für Väter in Führungspositionen.