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Burnout ist doch gar keine Krankheit, oder?

Burnout ist doch gar keine Krankheit, oder?
Es ist nicht neu, dass psychische Erkrankungen immer stärker zunehmen. Mittlerweile ist jeder zehnte Ausfalltag eines Mitarbeiters auf Burnout und ähnliche Erkrankungen zurückzuführen.

Für die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde ist Burnout keine eigenständige Erkrankung, sondern ein „Risikozustand“. Warum das so ist, weiß Bestseller-Autorin Carola Kleinschmidt.

Immer wieder werde ich auf Vorträgen gefragt: „Wie ist das eigentlich? Burnout ist offiziell ja gar keine Krankheit. Das sind doch eher persönliche Empfindlichkeiten, oder?“

Ich antworte dann immer: „Naja, die Krankenkassen stufen Burnout tatsächlich nicht als eigene Krankheit ein. Aber die Menschen fühlen sich durchaus sehr krank. Und die meisten benötigen auch ärztliche Hilfe.“

Meist schaue ich dann in ratlose Gesichter. Was soll das sein, eine nicht existierende Krankheit, die aber irgendwie doch eine Krankheit ist? Auch ich selbst musste mich erst durch die Definitionen und Fachpublikationen lesen, bevor ich die Zusammenhänge verstanden habe.

Risikozustand Burnout

Also: Burnout ist laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) keine eigenständige Erkrankung, sondern ein „Risikozustand“. Das heißt: Wenn ich mich vom Stress ausgelaugt fühle, empfinde ich mich selbst natürlich als krank, vielleicht sogar als arbeitsunfähig. Aber richtig krank bin ich nach Meinung der Experten noch nicht. (Die DGPPN ist, nebenbei bemerkt, eine der ältesten medizinischen Fachgesellschaften überhaupt und ihr Wort hat Gewicht.)

Krank ist man nach dieser offiziellen Sicht erst, wenn man Symptome zeigt, die laut dem Diagnose-Handbuch der Krankheiten, dem so genannten ICD 10, eine eindeutige Erkrankung darstellen. Depressionen sind beispielsweise solch eine Krankheit. Auch Schlafstörungen, Tinnitus (Ohrenpiepen), ein Bandscheibenvorfall, ein Herzinfarkt, ein Magengeschwür oder Migräne. Aber eben keine Erschöpfung aufgrund von zu viel Stress.

Keine klare Diagnose, keine Hilfe

Die Erschöpfung ist sozusagen noch die Vorstufe vor richtig krank. Aber weil Studien zeigen, dass Erschöpfte nach einiger Zeit häufig eine „echte“ Krankheit entwickeln, ordnet man Burnout als Risikozustand ein und sieht durchaus Handlungsbedarf.

Das Dilemma für die Betroffenen: So lange sie keine klare Diagnose haben, finden sie nur schwer Hilfe. Denn Ärzte sind darauf spezialisiert, klare Diagnosen zu stellen und für bestimmte Krankheiten vorgeschriebene Behandlungswege zu empfehlen und zu begleiten. Viele Hausärzte fragen nicht einmal nach der Stressbelastung im Alltag und Leben ihrer Patienten.

Sehr häufig irren die Erschöpften deshalb mit diffusen Beschwerden wie Schlafprobleme, Stimmungsschwankungen oder Schmerzen von Arzt zu Arzt und bekommen keine effektive Hilfe. Häufig rutschen Betroffenen dann so weit in die Erschöpfung und die verschiedensten Erkrankungen bis gar nichts mehr geht. Erst im Kontakt mit Ärzten, die auf Psychosomatik spezialisiert sind, oder in einer psychosomatischen Klinik bekommen sie die ganzheitliche Behandlung, die sie benötigen, um das Grundproblem – den Dauerstress in ihrem Leben – in den Griff zu bekommen.

Arbeitgeber sind involviert

Warum in Bezug auf die Psyche die Prävention so klein geschrieben wird, bleibt dabei auch für mich ein Rätsel. Vor allem, wenn man es mit der umfassenden Prävention für körperliche Krankheiten vergleicht: Kein Mensch würde akzeptieren, wenn der Hautarzt zu ihm sagt: „Diese Stelle auf ihrer Haut, die sieht wirklich ein wenig verdächtig aus. Ich würde sagen: Risikozustand. Aber wir kümmern uns erst darum, wenn wir sicher sind, dass es Krebs ist.“ Eigentlich hat sich das Gesundheitssystem der Gesundheitsvorsorge verpflichtet. Aber beim Burnout klappt das nicht so richtig.

Ein Knackpunkt ist wohl die Tatsache, dass Burnout „als Risikozustand in Folge dauerhafter Überforderung am Arbeitsplatz“ umschrieben wird. Der Arbeitgeber ist also involviert. Und deshalb ist für die Experten der Gesundheitssysteme Burnout kein Fall fürs Gesundheitssystem. Vielmehr liegt es in der Verantwortung der Arbeitgeber, Burnout zu verhindern. Sie müssten dementsprechend dafür sorgen, dass die Stressbelastung im Arbeitsalltag auf einem gesunden Niveau bleibt!

Unternehmen nehmen Stressbelastung mittlerweile ernster

So ähnlich wie der Arbeitgeber sich ja auch um die Helme der Bauarbeiter kümmern muss, damit die sich nicht verletzen, falls ihnen auf dem Bau ein Stein auf den Kopf fällt. Um die Verantwortung der Arbeitgeber für die seelische Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu verdeutlichen, wurde kürzlich sogar das Arbeitsschutzgesetz konkretisiert. Doch bisher sind noch keine durchschlagenden Erfolge zu verzeichnen. Auch, wenn immer mehr Unternehmen das Thema Stressbelastung ernster nehmen.

Und zwischen allen Fronten sitzen die, die sich vom Stress in ihrem Job ständig mitreißen lassen, sich dauergestresst, ausgelaugt und schlaflos fühlen – und nicht wissen, wie sie der Erschöpfung gegensteuern können.

Was kann man derzeit raten? Wenn Sie jemand sind, der auf die Frage „Wer bin ich, wenn ich nicht arbeite?“ keine Antwort hat. Oder wenn Sie schlecht abschalten, sich kaum gegen Druck und Anforderungen abgrenzen können, dann sind Sie latent gefährdet für den Dauerstress im Job. Machen Sie sich Gedanken darüber, warum das so ist. Trauen Sie sich, hinter Ihre Fassade zu schauen. Vielleicht benötigen Sie Hilfe, um Ihre Blockaden zu lösen und eine gesündere Haltung zur Arbeit zu finden. Dann sinkt das Risiko, dass sie im Job in die Burnout-Falle tappen.

Und für alle, die es bereits erwischt hat: Suchen Sie sich Hilfe und lassen Sie sich Ihr Leid nicht klein reden.

In diesem Sinne, bleiben Sie gesund!

Ihre Carola Kleinschmidt

 

Ab 27. Juni 2016
Burnout - und dann von Carola Kleinschmidt

Burnout – und dann?
Wie das Leben nach der Krise weitergeht
von Carola Kleinschmidt
Kösel Verlag (1. Auflage, Juni 2016)
ca. 17,99 Euro
ISBN 978-3-466-34636-3

 

 

 

* Männer und Frauen werden natürlich mitgedacht. Der Einfachheit halber nehme ich pro Artikel nur ein Geschlecht. Mal Sie. Mal Er.