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Brainstorming war gestern

Brainstorming war gestern
Beim Brainwriting wird der Denkprozess nicht gestört und ermöglicht so ein konzentrierteres Arbeiten.

Mit dem Brainwriting haben auch Introvertierte eine Chance. Denn damit läuft niemand Gefahr, von extrovertierten Kollegen überschrien zu werden. So wird das kreative Potenzial jedes Einzelnen sichtbar.

Unternehmen, die in der heutigen Zeit überleben wollen, müssen vor allem wettbewerbsfähig und innovativ sein. Das sagt sich ziemlich einfach – ist es jedoch nicht. Denn eine gute Idee allein reicht heute nicht mehr. Unternehmen müssen kontinuierlich vorausdenken und dabei höchst strukturiert und mit System handeln. Zusätzlich sind sie gefordert, die eigenen Paradigmen zu hinterfragen sowie gleichzeitig das Tempo der täglichen Operationen und strategischen Entscheidungen zu durchdenken und neu zu definieren.

Die gute Nachricht: Es gibt eine Methode, die Unternehmen bei diesen notwendigen Veränderungen wertvolle Hilfestellung bietet. Design Thinking setzt genau an dieser Stelle an und liefert die notwendigen Tools, um das Denken und Handeln mit Flexibilität und Kreativität zu verbinden. Der Ansatz hilft dabei, Trends und Ideen rechtzeitig zu erkennen und vor allem schnell umzusetzen. Mit dem Ziel, eine ganzheitliche Sicht zu etablieren, die den Kunden und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt und davon ausgehend existierende Probleme und neue Erkenntnisse in marktfähige, neue Lösungen verwandelt.

Kreativität mit Methodik zu Leibe rücken?

Ausgehend vom Verständnis der Kundenbedürfnisse werden Ideen in einem iterativen Prozess generiert. Daraus entstehen wiederum Prototypen, die zu einem sehr frühen Zeitpunkt direkt mit dem Nutzer getestet und basierend auf dessen Feedback angepasst werden. So wird sichergestellt, dass die Lösung auch den tatsächlichen Bedürfnissen der potenziellen Kunden entspricht. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass dadurch Lösungen entwickelt werden, die genauso logisch wie neu sind. Out-of-the-box Denken sei Dank.

Kreativität mit Methodik zu Leibe rücken? Absolut! Denn so vielfältig wie Ideen sein können, sind auch die verschiedenen Methoden, die sich innerhalb eines Design-Thinking-Prozesses einsetzen lassen. 77 davon bespreche ich in meinem neuen Buch 77 Tools für Design Thinker – und eine davon möchte ich Ihnen in diesem Artikel gesondert vorstellen.

Anwendungsgebiete von Brainwriting

Das Brainwriting ist der Methode des Brainstormings sehr ähnlich. Der wesentliche Unterschied liegt allerdings darin, dass beim Brainwriting Gedanken und Vorschläge nicht mündlich, sondern schriftlich geäußert werden. Es gibt verschiedene Varianten von Brainwriting wie zum Beispiel das „Collective Notebook“ oder die „6-3-5-Methode“.

In der Praxis nutze ich das Brainwriting sehr gerne dann, wenn die Teilnehmer sich nicht gut kennen oder es kein Vertrauen untereinander gibt. Auch für größere Gruppen eignet sich ein Brainwriting hervorragend, weil dadurch jeder seine Gedanken und Ideen miteinbringen kann. Vor allem, wenn eine Gruppe einige schüchterne Teilnehmer hat, ist die Verschriftlichung der Ideen ein sehr hilfreicher Ansatz. So läuft niemand Gefahr, von den extrovertierten Kollegen überschrien zu werden und Sie können sichergehen, dass das kreative Potenzial jedes einzelnen Teilnehmers sichtbar wird.

Vorteile des Brainwritings gegenüber des Brainstormings

Ein Brainwriting erlaubt es jedem Teilnehmer, dass er oder sie sich eigenständig auf das Thema einstellen kann. Im Gegensatz dazu kann es beim Brainstorming vorkommen, dass frühe Wortmeldungen ein zu starkes Gewicht haben und so der Workshop von einer Person oder einer frühen Idee maßgeblich beeinflusst wird.

Ein weiterer Vorteil: Beim Brainwriting wird der Denkprozess der Teilnehmer nicht oft unterbrochen oder gestört und erlaubt so ein konzentrierteres Arbeiten. Denn es gibt keine ständigen Wortmeldungen anderer Teilnehmer, die man mitanhören möchte.

Teilnehmer inspirieren sich gegenseitig

Das Ziel eines Brainwritings ist, dass jeder Teilnehmer unabhängig von der Gruppe Ideen sammelt und verschriftlicht. Erst danach werden diese Ideen gemeinsam assoziativ zu kreativen Problemlösungsideen weiterentwickelt. So können die Ideen von sonst eher passiven bzw. stilleren Teilnehmern festgehalten werden. Dadurch, dass eine gewisse Anonymität sichergestellt werden kann, trauen sich die TeilnehmerInnen erfahrungsgemäß, auch kritische oder gewagte Vorschläge einzubringen. Im Idealfall inspirieren sich die Teilnehmer während der Diskussion gegenseitig mit ihren Ideen, die dann gemeinsam weiterentwickelt werden können.

Ein Brainwriting ist in zwei Phasen unterteilt: Die erste Phase dient dem Entwickeln von Ideen und der Schaffung von Assoziationen.

  • Schritt 1: Bitten Sie jeden Teilnehmer, sich um einen Stehtisch zu platzieren. In die Mitte des Tisches legen Sie einen Stapel leerer Moderationskärtchen.
  • Schritt 2: Jeder Teilnehmer nimmt sich eine leere Karte und notiert eine Idee.
  • Schritt 3: Anschließend reicht er die Karte seinem rechten Nachbarn, nimmt sich eine weitere Karte, notiert eine weitere Idee und reicht die Karte ebenfalls nach rechts weiter. Dies führt er nun für jede Idee aus.
  • Schritt 4: Die vom Nachbarn erhaltenen Karten werden kurz gelesen, gegebenenfalls ergänzt und wie die eigenen Karten weitergereicht. Alternativ, wenn man gerade mit der Formulierung einer Idee beschäftigt ist, kann die Karte auch ungesehen durchgereicht oder in den Stapel in der Mitte gelegt werden.
  • Schritt 5: Erhält ein Teilnehmer eine seiner eigenen Karten zurück und möchte er diese nicht weiter ergänzen, so legt er sie auf einen Stapel in der Mitte des Tisches.
  • Schritt 6: Teilnehmer, denen gerade keine eigene neue Idee einfällt, können sich von diesem Stapel willkürlich eine Karte nehmen, diese eventuell ergänzen und die Karte wieder in Umlauf bringen.

Die Session ist dann beendet, wenn allen Teilnehmern die Ideen ausgegangen sind und die Karten aus dem Stapel schon mehrfach die Runde gemacht haben, ohne dass Ergänzungen erfolgten. In der zweiten Phase werden diese Ideen dann gemeinsam besprochen und bewertet.

  • Schritt 1: Der Moderator sammelt alle Karten ein und liest sie, natürlich ohne Bewertungen zuzulassen, vor.
  • Schritt 2: Die Karten werden für alle sichtbar auf einer Pinnwand platziert und gegebenenfalls erläutert.
  • Schritt 3: Danach können Ideen ergänzt bzw. Vorhandenes erweitert werden.

Ein Brainwriting eignet sich für die unterschiedlichsten Fragestellungen. Idealerweise wird es bei einer Gruppengröße von sechs bis zwölf Teilnehmenden durchgeführt, da bei einer solchen Größe ein strukturiertes Brainstorming bereits deutlich schwieriger wäre, da nicht immer alle Teilnehmenden gleich oft zu Wort kommen.

Starten Sie Ihren Kreativitätsworkshop immer mit einem Brainwriting. So können Sie alle im Raum stehenden Ideen abholen. Dafür benötigen Sie nur einfache Hilfsmittel wie Teilnehmer, Schreibutensilien und Papier.

 

 

Die Wirtschaftspsychologin und Unternehmensberaterin Ingrid Gerstbach ist Expertin für Design Thinking und Innovationsmanagement. Sie sieht sich als Entwicklungshelferin für Unternehmen, um Innovationen, neue Erfolgspotenziale und nachhaltige Wertschöpfung zu ermöglichen. In ihrem aktuellen Buch „77 Tools für Design Thinker“ gibt sie wertvolle Impulse, wie sich Unternehmen mit Hilfe von Design Thinking neu erfinden und einen Wettbewerbsvorteil sichern.