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Affentanz auf der Weihnachtsfeier

Affentanz auf der Weihnachtsfeier
Kein Motto für halboffizielle Anlässe.

Auf Firmenevents wie die Weihnachtsfeier sollte man sich so verhalten, als wäre man im Job. Warum das nicht immer so ist, weiß der Verhaltensbiologe Gregor Fauma.

Stellen wir uns vor, die jährliche Weihnachtsfeier zündet dieses Jahr erstmals so richtig. Die Feier findet in einer kleinen Diskothek statt, die Belegschaft süffelt sich seit Stunden ein wenig Enthemmung und Partylaune an und der DJ sorgt doch tatsächlich für verdammt gute Stimmung am Parkett.

Das Motto ist Vollgas, im Tank befindet sich bereits ausreichend Treibstoff (Gin & Tonic) und die wabernden Bässe kennen kein Bremsen. Mit anderen Worten: Die Ladys tanzen und die Gentlemen stehen herum und glotzen, während sie sich noch mehr Treibstoff einfüllen. Enthemmung muss man sich schließlich erarbeiten. Die Ladys rufen den Gentlemen zu, sie mögen doch auch auf die Tanzfläche kommen und nicht so fade sein – es wäre schließlich Weihnachtsfeier!

Einer der Herren lässt sich nur zweimal bitten, dann schmeißt auch er sich ins Getümmel auf der Tanzfläche. Die Damen kreischen und quicken, wenn sich der Dancingboy herantanzt und fordern ihn mit Blicken auf, weiter zu tanzen. Offensichtlich gefällt ihm eine der Kolleginnen besonders gut, denn er tanzt ausschließlich sie an. Dazu sucht er ihren Blickkontakt und hofft, in ihrem Gesicht so etwas wie Freude oder Anerkennung zu finden, nach dem Motto „Schau, zu was für einem Affen ich mich vor meinen Kollegen mache – und das nur für dich, also bitte, mehr Anerkennung!“

Synchronisation von Verhaltensweisen

Und jetzt kommt es, was Verhaltensbiologen vorhersagen, die Synchronisation: Sie nimmt mit ihm Blickkontakt auf, lächelt ihn an, reißt beide Arme hoch und wippt mit ihren erhobenen Armen im Takt. Was macht der Affe? Er macht sie nach! Auch er hebt daraufhin seine Arme und wackelt mit ihnen im Takt, sofern er dazu imstande ist. Und wieder versucht er, dafür Anerkennung in Form von Angestrahlt werden zu bekommen.

Sie aber macht gleich die nächste Tanzfigur, klatscht dazu in die Hände und dreht sich daraufhin einmal rhythmisch im Kreis. Was nun folgt, ist klar: Er strahlt sie an, klatscht in die Hände und dreht sich im Kreis. Und solange er auf der Tanzfläche bleibt, wird er stets danach trachten, ihre Bewegungen zu kopieren. Denn die Synchronisation von Verhaltensweisen ist ein wesentliches Merkmal positiv eskalierenden Flirts.

Zeitliche Abstimmung von Bewegungen

Das war auch schon vor dem Tanz gut zu beobachten. Da ist er noch mit ihr an der Bar gestanden und hat ihr Komplimente gemacht, sie auf einen oder drei Drinks eingeladen und ihr seine Zigaretten angeboten.

Sie drehte sich daraufhin mit dem Gesicht zur Tanzfläche und lehnte sich mit ihrem Rücken an die Bar. Kurz darauf tat er es ihr gleich. Sie steckte sich eine Zigarette an, er tat es ihr kurz danach gleich. Sie drehte sich wieder zur Bar und sog an ihrem Gin & Tonic. Was ist von ihm zu erwarten? Genau, er kopierte wieder ihr Verhalten. Sie streckte die ihm zugewandte Halsseite, legte dazu den Kopf schräg. Er antwortete kurz darauf mit einem Heben des Kopfs. Sie fuhr sich durch das Haar, er fuhr sich ebenfalls durchs Haar. Usw. usf. Man kann von Bewegungsecho sprechen.

Das Synchronisieren von Verhaltensmustern ist Anthropologen wohl bekannt. Alle bekannten Kulturen haben im Rahmen ihrer durchorganisierten Verpartnerungen formalisierte Werbungsrituale, die dem Mann und der Frau die Chance geben, eine Synchronisierung zu erzeugen – und damit die Eignung für eine Partnerschaft abzuklopfen. So beobachtet von den Wissenschaftlern T.K. Pitcairn und Margaret Schleidt, 1976 bei den Medlpas auf Neuguinea, die durch gegenseitiges Nasereiben einen ihnen eigenen Rhythmus finden, der den Grad der Harmonie wahrscheinlich in sich trägt.

Woher kommt das?

Der Neuroendokrinologe William Etkin meinte dazu 1964, dass Verhaltenssynchronisation in der Tierwelt der Anlockung und Aggressionshemmung dient. Der Psychologe David Barash erweiterte die These 1977 dahingehend, dass es ein sich gut koordinierendes Paar leichter hat, ein Territorium zu verteidigen, Nachkommen zu zeugen und die Aufgaben im Zuge der Aufzucht zu erledigen. Wir Menschen sprechen von blindem Verständnis, wobei taubes Verständnis meines Erachtens die klügere Formulierung wäre. Aufeinander abgestimmtes Verhalten scheint das Wesentliche funktionierender Partnerschaften zu sein – Grund genug, dies im Vorfeld bei der Partnerfindung einmal, zweimal oder gleich andauernd abzuklopfen.

Verhaltensbiologe und Flirtspezialist Karl Grammer schreibt in seinem Standardwerk „Signale der Liebe“ dazu Folgendes: „Die Männer erstarren jedoch angesichts einer Frau. Sie sind insgesamt gehemmter, unterlassen eher Bewegungen und werden auch nicht durch eigenes Interesse dazu motiviert, sich häufiger zu bewegen. Frauen agieren mehr, die Häufigkeit ihrer Bewegungen nimmt mit ihrem Interesse am Mann zu. Das weibliche Geschlecht zeigt sein Interesse am Mann durch vermehrte Bewegungen an und teilt seine Sympathie durch viele Gesten, Positionswechsel und Handbewegungen mit. Sie korrigieren häufiger den Sitz ihrer Kleidung, machen gesprächsbegleitende Handbewegungen und wechseln die Sitzposition, indem sie die Oberarme leicht vom Körper abspreizen, die Unterschenkel ausstrecken und wieder anziehen. Sind die Frauen dagegen uninteressiert, freieren ihre Bewegungen zu statischen Positionen ein.“

Je initiativer die Frau, desto desinteressierter der Mann

Die Synchronisation zwischen beiden findet ausschließlich dann statt, wenn die Frau Interesse am Mann hat. Interessiert jedoch sie sich für ihn und signalisiert das auch, sein Interesse ist jedoch nicht ganz so ausgeprägt, sollte sie eher sparsam mit Signalen umgehen. Je initiativer die Frau ist, desto desinteressierter ist der Mann. Signale sexueller Bereitschaft und Verfügbarkeit sind für Männer so ziemlich die letzten Botschaften, die sie von Frauen gesendet bekommen wollen. Ein Knock-out-Kriterium für Männer. Da helfen dann auch keine neue Frisur oder sonstige attraktivitätserhöhende Maßnahmen ihrerseits.

Um es noch einmal zusammenfassen: Das unterschiedliche Investment in den Nachwuchs ist die treibende Kraft schlechthin, wenn es um Zwischenmenschliches, aber auch um Karrieremäßiges geht. Da die Frau vom Mann Status erwartet, gehen die Männer dazu demonstrativ in den Wettkampf. Gut für die Wirtschaft! Die Männer müssen daher ihren Status auch zeigen können – sonst hilft er ihnen bei der Partnerfindung nicht. Die Männer hingegen suchen attraktive Partnerinnen und verrechnen die Attraktivität der aktuellen oder potenziellen Partnerin mit ihrem Status. Dicht in ihr Netzwerk verwoben können Frauen jedoch nicht allzu öffentlich ihr Interesse zeigen. Daher läuft die Flirtanbahnung in wenigen Sekunden mit wenigen Blicken ab, zumindest solange man nüchtern ist. Bei Anläsen mit Alkoholkonsum zwecks Enthemmung können Sie sehr schön die Synchronisation potenzieller Pärchen beobachten. Oder Sie erkennen, dass die männlichen Avancen im Sand verlaufen daran, dass beide in ihrer Bewegungen letztendlich erstarren. Interessiert sie sich nicht für ihn, kann er posen, so viel er will. Er sollte dringend um Gehaltserhöhung und einen größeren Dienstwagen ansuchen. Das hilft eher. Sorry, Ladys!

Gregor Fauma

 

Unter Affen: Warum das Büro ein Dschungel ist.

 

 

Unter Affen: Warum das Büro ein Dschungel ist
von Gregor Fauma
Goldegg Business (1. Auflage, November 2016)
19,95 Euro
ISBN 9783903090569